Mister DAX: "China wird total überschätzt"

Dirk Müller - besser bekannt als Mister DAX
Dirk Müller - besser bekannt als Mister DAX

Der deutsche Börsenexperte Dirk Müller, auch bekannt als Mister DAX, warnt schon seit Jahren vor einem Kollaps als Folge der Schuldenberge. Er warnt aber auch davor, die Chinesen zu überschätzen und die Amerikaner zu unterschätzen.

Herr Müller, wie schläft man mit dem Übernamen Mister Dax?
Dirk Müller: Damit schläft man sehr gut. Ich verwende ihn selber nicht. Den haben mir die Medien eines Tages mal gegeben, die fanden das irgendwie unterhaltsam und witzig.

Der Name suggeriert, dass Sie ein Börsenguru sind.
Von Guru bin ich weit entfernt: Ich hab keine Kristallkugel noch kann ich schweben oder über das Wasser gehen. Ich bin seit zwanzig Jahren an der Frankfurter Börse. Zehn Jahre habe ich die Bundesstaatsanleihen gehandelt. Zehn Jahre Aktien gehandelt. Ich glaube, ein paar Themen zu verstehen. Grundsätzlich versuche ich, dem normalen Bürger als Dolmetscher zwischen der Finanzwelt, der Politik und der Wirtschaft zu erklären, was hinter den Kulissen aus meiner Sicht stattfindet. Immer mit der Demut, dass ich nur meine Sicht der Dinge präsentieren kann.


«Die finale Phase hat begonnen, der Kollaps steht bevor.» Würden Sie diese Worte, ausgeprochen im Juni 2011, heute noch sagen?
Definitiv ja. Das ist eine Entwicklung, die über mehrere Jahre geht. Wir müssen die Schulden massiv reduzieren. Das wird nicht in wenigen Monaten passieren. Griechenland steht vor Weimarer-Verhältnissen, steht an der Grenze der Demokratie beziehungsweise hat zeitweise nahezu bürgerkriegsähnliche Zustände. Das Gleiche gilt in Portugal. Wir haben die Schuldenprobleme nicht ansatzweise gelöst. Wir haben nicht mal die richtigen Rezepte dafür entwickelt. Deshalb wird sich die Situation weiter zuspitzen, bis wir die Schuldenprobleme gelöst haben.

 

Wie wird sich der Kollaps manifestieren?
Um die Schulden abzubauen, werden nun brutale Methoden angewandt. Man macht einen Schuldenschnitt – siehe Griechenland – und nimmt dadurch jemand anderem sein Guthaben weg. Oder man versucht Inflation zu erzeugen, so dass die Schulden über Preissteigerungen beziehungsweise einer Entwertung des Gelds abgebaut werden. All diese Massnahmen führen zu grossen Verwerfungen in der Gesellschaft.

"Wir zerstören mit diesen Sparpaketen die Grundlagen der europäischen Industrie. "
"Wir zerstören mit diesen Sparpaketen die Grundlagen der europäischen Industrie. "

Wie lautet der Königsweg?

Jene, die Geldguthaben besitzen, müssten das Geld für sinnvolle Investitionen ausgeben, beispielsweise für Infrastruktur, Leistungsnetze, Kraftwerke. Sie sollten in Dinge investieren, die auch langfristig Ertrag bringen. Das schafft Wirtschaftswachstum. Damit können Unternehmen und private Haushalte ihre Schulden abbauen, ohne dass auf der Gegenseite Guthaben vernichtet werden.

 

Mit Sparprogrammen wird kein Wirtschaftswachstum erzeugt.

Mit einem Fuss drücken wir aufs Gaspedal und versuchen via Notenbankpresse Inflation zu erzeugen; und mit dem anderen Fuss stehen wir aufs Bremspedal und würgen durch Sparpakete die Konjunktur ab. Die Preise steigen wegen teurerer Rohstoffe. Die Bürger haben aber immer weniger Geld, weil die Renten gekürzt werden und der Staat Leute entlässt. Wir zerstören mit diesen Sparpaketen die Grundlagen der europäischen Industrie. Wir schaffen eine Katastrophe, die uns langfristig grosse Probleme bringen wird. Man kann das Schuldenproblem nicht mit Sparmassnahmen lösen.

 

Was soll der Anleger tun?
Wenn weiterhin die Tilgung der Schulden mit der Tilgung von Guthaben einhergeht, so verlieren die Geldwerte in Form von Bargeld, Festgeld, Staatsanleihen an Wert. Das heisst, das Vermögen wird vernichtet. Also muss ich dafür sorgen, dass ich diese Geldwerte los werde. Ich muss stattdessen Sachwerte kaufen, die davon nicht betroffen sind.

 

Sie meinen Aktien?
Aktien und Edelmetalle. Das grosse Problem ist, dass die Wirtschaft durch die Preissteigerungen und die Abwürgung der Konjunktur selber unter Druck gerät – und somit auch die Aktienkurse. Da wir nicht wissen, ob wir den Fuss von der Bremse oder vom Gaspedal nehmen, ist es für den Investor ganz schwierig abzuschätzen, ob er voll auf Geldwerte oder Sachwerte setzen soll.

 

Also macht man halbe-halbe.
Richtig. Wenn ich nicht weiss, was die Zukunft bringt, muss ich auf jede Form der Zukunft vorbereitet sein. Ich muss zumindest mal die Geld- und Sachwerte in die Waage bringen. Doch die meisten Leute haben viel zu viel Geldwerte: Tagesgeld, Bargeld, Sparbuch, Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, Rentenansprüche, Lebensversicherungen. Wenn man ebenso viele Sachwerte daneben stellen möchte, so haben viele Leute einen grossen Bedarf, um auch nur eine neutrale Gewichtung hinzukriegen.

 

Edelmetall ist das klassische Absicherungsmittel. In welcher Form soll man es halten?
Für mich kommen ausschliesslich Gold- und Silbermünzen in der klassischen Prägung in Frage. Selbst mit Goldbarren bin ich vorsichtig. Es gibt mittlerweile viele Berichte über gefälschte Goldbarren. Es wird eine 1,6-Milimeter-Goldschicht erstellt, und diese Goldschicht ist mit Wolfram ausgefüllt. Wolfram hat fast das identische Gewicht wie Gold, ist aber praktisch wertlos. Man kann es nicht prüfen von aussen. Hat man aber einen Krügerrand oder einen Maple Leaf – der ist so dünn, da kann man keine Wolframfüllung machen. Deshalb echte Münze – und diese natürlich in einem Banksafe aufbewahren, bevor einem die Hütte ausgeräumt wird.

 

Wo soll der Aktienanteil erhöht werden? Wohl kaum in Europa.
Warum nicht? Wir sehen, dass im Moment sehr viele Leute ihr Geld nach Deutschland schaffen. Sie sagen, egal was kommt: Wenn Länder aus dem Euro aussteigen, wird der Euro stärker. Wenn Deutschland aussteigt, wird die deutsche Währung stärker. Wenn ich Geld in deutschte Unternehmen investiere, wird das Geld früher oder später aufgewertet. Wir sehen, dass Unternehmen in Spanien oder Italien ausgesprochen günstig geworden sind. Die Risiken sind zwar gross. Doch sobald wir in diesen Ländern den Fuss von der Bremse nehmen, explodieren diese Aktien.

 

Der Dow Jones Industrial notiert schon wieder nahe bei seinem Höchstwert.
Die Amerikaner machen einen sehr guten Job: Sie haben massiv auf eine neue Unabhängigkeit bei Öl und Gas gesetzt. Gas ist in den USA so billig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das ergibt einen unglaublichen Kostenvorteil für amerikanische Unternehmen. In diese Unternehmen zu investieren, kann durchaus sinnvoll sein. Anleger sollten sich auf international bekannte Grossunternehmen konzentrieren, die schon seit vielen Jahrzehnten beweisen, dass sie erfolgreich arbeiten und Geld verdienen. Man muss auf Unternehmen setzen, die auch Krisen überstehen können. Der Pharmabereich ist sehr interessant, zum Beispiel Eli Lilly.

 

" China hat Risiken auf ganz dünnen Säulen gestellt, dass es für die Vereinigten Staaten ein Leichtes sein wird, diese Säulen umzustossen. "
" China hat Risiken auf ganz dünnen Säulen gestellt, dass es für die Vereinigten Staaten ein Leichtes sein wird, diese Säulen umzustossen. "

Die Zukunft spielt doch in Asien.
Sind Sie sicher?

 

Ich gehe davon aus.
China wird total überschätzt. Das ist ein Riese auf tönernen Füssen. Natürlich hat China ein Riesenpotenzial, aber auch ein Riesenpotenzial an Problemen und Fehlentwicklungen. Wir haben in China eine Immobilienblase, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Es gibt riesige Immobillienlandschaften ohne Miete. Diese Wohnungen stehen leer, da die Besitzer hoffen, dass es nächstes Jahr noch teurer wird. Es ist die gleiche Entwicklung, die wir in der Geschichte der entwickelten Staaten immer wieder beobachtet haben und zu katastrophalen Folgen führte, siehe Japan, siehe USA, siehe Asienkrise der Neunzigerjahre. Und in China haben wir diese Entwicklung in der Grösse XXL. Chinas Wirtschaft kann nach unseren volkswirtschaftlichen Betrachtungen überhaupt nicht nachhaltig funktionieren.

 

Das wird die Amerikaner freuen.
Amerika ist die grösste Macht der Welt der letzten Jahrzehnte. Sie tut alles auf wirtschaftlicher, militärischer und geheimdienstlicher Basis, um ihre Macht zu erhalten. Es wäre naiv von uns zu glauben, dass diese Supermacht Amerika einfach zuschaut, wie China das neue Reich der Welt wird. China hat solche Probleme aufgebaut, solche Risiken auf ganz dünnen Säulen gestellt, dass es für die Vereinigten Staaten ein Leichtes sein wird, diese Säulen umzustossen.

 

Müssen wir uns also noch nicht an den Renminbi gewöhnen?
Ich darf daran erinnern, dass wir vor vier Jahren darüber diskutiert haben, dass der US-Dollar abgewirtschaftet hat, dass der Euro den US-Dollar als Leitwährung ablösen wird. Es war für Amerika ein Leichtes, gegen diese dünnen Säulen unterhalb des Euros zu treten und den Euro zum Einsturz zu bringen. Und niemand spricht mehr darüber, dass der Euro den US-Dollar ablösen wird.

 

 

ZUR PERSON

Wer im Fernsehen deutsche Talkshows anschaut, kennt Mister DAX: Ob bei «Hart aber fair», «Anne Will» oder «Markus Lanz» – Dirk Müller ist ein gefragter Experte. Sein Übernahme Mister DAX rührt nicht etwa daher, dass der Börsenmakler Müller für die im deutschen Aktienindex DAX enthaltenen Firmen treffsichere Prognosen abgegeben hätte. Bekannt wurde der 44-Jährige, weil sein Arbeitsplatz auf dem

Parkett der Frankfurter Börse unter der Kurstafel des DAX lag. Wann immer das Fernsehen den Kursverlauf des DAX zeigte, erschien auch das Gesicht von Dirk Müller, dessen Gesichtsausdruck gleich den Kursverlauf verriet. Er ist auch ein erfolgreicher Buchauto.

 

Erschienen in der BZ am 27. November 2012


Claude Chatelain