Als Europäer kann man über die Kandidatur Romney nur staunen

Mitt Romney
Mitt Romney

Morgen startet in Tampa im US-Staat Florida der Parteikongress der Republikaner. Der Beginn musste wegen des Tropensturms Isaac um einen Tag verschoben werden. Der Sturm bringt zwar den Terminkalender durcheinander, sonst aber sind keine Turbulenzen zu erwarten. Seit Wochen gilt als sicher: Mitt Romney soll an der Präsidentschaftswahl vom 6. November Barack Obama herausfordern. Vom fernen Europa aus betrachtet, kann man ob dieser Nominierung nur staunen.

Vieles wird dem ehemaligen Gouverneur von Massachusetts vorgeworfen: Er sei hölzern, habe kein Charisma und trete in ein Fettnäpfchen nach dem anderen. Doch dass der Mann ein Vertreter der Finanzindustrie ist, scheint den Amerikaner nicht zu stören. Die Demokraten kritisieren zwar, dass er seine Steuererklärung nicht offenlegen will. Doch niemand hat ein Problem damit, dass Mitt Romney sein Millionenvermögen mit dem Bain Capital Hedge Fund machte.

 

Die Amerikaner haben im Unterschied zu Schweizern nie ein verkrampftes Verhältnis zu reichen Leuten gehabt. In Amerika darf man den Luxus zeigen. Man darf stolz sein, wenn man es zu etwas gebracht hat. Man wird bewundert. Auch der alte Kennedy, wie die Amerikaner den Vater von JFK nannten, brachte es in der Finanzindustrie zu einem Millionenvermögen. Doch das war in den Vierziger- und Fünfzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Jetzt aber haben wir das Jahr 2012, eben erst die grösste Banken- und Finanzkrise der letzten achtzig Jahren erlebt und noch immer nicht überwunden. Schuld an dieser Krise sind Finanzhaie, Hedgefonds, Spekulanten und andere Banker, welche von Boni getrieben zu hohe Risiken eingingen, die Gewinne einsackten und die Verluste dem Steuerzahler überliessen.

 

Auch Mitt Romney gehört zu dieser Zunft. Auch er ist Teil der «masters of the universe». Ausgerechnet mit einem Hedgefonds ist er reich geworden. Mit einem jener undurchsichtigen Vehikel, die oft in einer virtuellen Welt operieren und für die reale Wirtschaft kaum einen Beitrag leisten. Und trotzdem soll Romney nach den Vorstellungen der Grand Old Party Präsident werden, als ob es Occupy Wall Street nie gegeben hätte. «Romney for President» tönt für Schweizer Ohren etwa gleich wie «Marcel Ospel in den Bundesrat».

 

Erschienen in der BZ am 27. August 2012

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Claude Chatelain