"Ich hoffe, dass Barack Obama radikaler durchgreift"

Elisabeth Bronfen
Elisabeth Bronfen

Anglistik-Professorin und Obama-Wählerin Elisabeth Bronfen ist enttäuscht von Obamas erster Amtszeit. Sie hofft, dass er nun auf seine wahren Anliegen fokussiert.

 

Frau Bronfen: Haben Sie die Nacht auch vor dem Fernseher verbracht?

Elisabeth Bronfen: Nein.

 

Waren Sie so siegessicher?

Ich habe die ganze Zeit gesagt, dass Barack Obama gewinnen wird.

 

Nun droht weiterhin ein politischer Stillstand: Die republikanische Mehrheit im Repräsentantenhaus wird alle Anstrengungen Obamas torpedieren.

Das Entscheidende wird sein, ob die Republikaner aus dieser ganzen Geschichte etwas gelernt haben. Die republikanische Partei muss sich überlegen, was sie eigentlich will.

Sie will nicht, dass ein demokratischer Präsident Erfolge verbucht.

Es könnte auch sein, dass sich die Partei spaltet. Der extreme Flügel der Tea-Party-Bewegung und die moderaten, konservativen Republikaner sind in ihrer Werthaltung weit voneinander entfernt. Die Republikaner sind unter Druck. Ihre Wähler sind gar nicht zufrieden mit der Obstruktionspolitik ihrer Abgeordneten. Es ist nicht gesagt, dass wir weiterhin eine Pattsituation haben.

 

Wird auch Obama seine Strategie ändern?

Es ist zu hoffen, dass er radikaler durchgreifen wird.

 

Was nützt eine harte Linie, wenn sich die Abgeordneten querstellen?

Das war tatsächlich ein Problem. Doch jetzt kann Obama eine andere Strategie fahren. Er muss nicht mehr um seine Wiederwahl fürchten. Er kann voll auf die Projekte fokussieren, die er umgesetzt haben möchte.

 

An welche Projekte denken Sie?

An die Gesundheitsreform, die Ankurbelung der Konjunktur, das Schaffen von Jobs.

 

Sehen Sie einen Ausweg aus der Schuldenspirale? Obama will die Steuern der Reichen erhöhen, und die Republikaner sagen schon heute: kommt gar nicht infrage.

Obama wird versuchen, die steuerliche Entlastung der Superreichen, die George W. Bush durchgesetzt hatte, rückgängig zu machen.

 

Das wird ihm kaum gelingen.

Da bin ich mir nicht sicher. Es muss doch möglich sein, den Superreichen klarzumachen, dass der Trickel-Down-Effekt nicht funktioniert.

 

Sie meinen die Theorie, wonach die Ärmeren vom Wohlstand der Reichen profitieren?

Genau. Es wäre klüger, den extrem reichen Menschen klarzumachen, warum ein funktionierendes soziales Netz so wichtig ist. Man kann die Finanzierung des Staates nicht ganz auf die Mittelschicht abwälzen. Es ist in den letzten Dekaden eine fatale Wende eingetreten. Viele Leute wollen ihre Steuern nicht bezahlen, obschon sie das durchaus könnten; wobei dies nicht nur ein amerikanisches Phänomen ist.

 

War das früher anders?

Es gab Vergleiche zwischen Mitt Romney und seinem Vater, der Chef von General Motors war. Der Vater des Präsidentschaftskandidaten zahlte wesentlich mehr Steuern als sein Sohn und hatte trotzdem Millionen verdient.

 

Hillary Clinton sagt, sie mache keine zweite Amtsperiode als Aussenministerin. Ein Verlust für Obama?

Oh ja. Ich hoffe, sie wird es sich anders überlegen. Hillary Clinton ist eine der grössten Trümpfe in Obamas Equipe. Sie hat extrem aufgeholt. Sie ist die populärste Politikerin im Team von Obama.

 

Aussenpolitik heisst für die USA Nahostpolitik. Europa interessiert nicht. Einverstanden?

Europa interessiert immer weniger. Aber die Unruheherde auf dieser Welt liegen nun mal im Nahen Osten: Pakistan, Afghanistan, Iran, Irak, Syrien, Libyen und so weiter.

 

Auch Israel ist ein wiederkehrender Unruheherd. Und doch hat Obama dem Land im Unterschied zu seinen Vorgängern keinen Besuch abgestattet.

Das ist richtig. Aber Romneys Besuch in Israel war ja wohl eher peinlich (lacht).

 

Die Juden wählen traditionell demokratisch. Sie sind besonders wichtig für einen demokratischen Präsidenten.

Daran hat sich nichts geändert. Obama hat viele jüdische Menschen in seiner Equipe. Das ist ein interessantes Bündnis, das mich an die 60er-Jahre erinnert, als sich die Juden sehr stark für die Bürgerrechtsbewegung einsetzten.

 

Die Pro-Israel-Lobby ist neben der Waffenlobby die stärkste im Land. Ist es politisch nicht zu gefährlich, sich mit Israel anzulegen?

Die Pro-Israel-Lobby ist immer noch sehr stark in den USA. Gleichzeitig stelle ich aber auch eine gewisse Spaltung fest. Es sind zunehmend Stimmen von prominenten jüdisch-amerikanischen Bürgern zu hören, die gegenüber Israel sehr kritisch eingestellt sind.

 

Sie sagten vorhin, Europa interessiere immer weniger.

Noch bis vor 30 Jahren haben all die Kinder europäischer Einwanderer damit geliebäugelt, später das Europa ihrer Grosseltern zu besuchen. Das hat sich in den letzten Dekaden verändert. Heute richtet sich der Blick nach Westen, sprich nach Asien. Der Fokus geht wirtschaftlich wie kulturell in Richtung China. Die jungen Schüler lernen jetzt eher Chinesisch als Französisch.

Interview: Claude Chatelain

 

Elisabeth Bronfen (54) ist Professorin für Anglistik an der Universität Zürich. Sie ist in München als Tochter eines Amerikaners und einer Deutschen aufgewachsen.

 

Am 8. November 2012 erschien dieses Interview in der BZ, das ich mit Frau Bronfen führte. Vier Jahre später wird Elisabeth Bronfen von der BZ erneut interviewt - und das haargenau gleiche Foto gezeigt. 

Claude Chatelain