Aaretaler geben Emmentalern einen Korb

Die Aktionärsversammlung der Spar- und Leihkasse Münsingen wird auch nächstes Jahr in der Tennishalle Münsingen stattfinden und nicht – wie geplant – in der Ilfishalle in Langnau. Die Aktionäre wollen diese Tradition nicht brechen.
Die Aktionärsversammlung der Spar- und Leihkasse Münsingen wird auch nächstes Jahr in der Tennishalle Münsingen stattfinden und nicht – wie geplant – in der Ilfishalle in Langnau. Die Aktionäre wollen diese Tradition nicht brechen.

Die Spar- und Leihkasse Münsingen und die Bernerland-Bank in Sumiswald werden nicht fusionieren: Die Aktionäre der SLM haben den Fusionsvertrag deutlich abgelehnt.

Betretene Gesichter am Samstagnachmittag in der Tennishalle Münsingen: Eben hatten die Aktionäre der Spar- und Leihkasse Münsingen (SLM) die Fusion mit der Bernerland-Bank aus Sumiswald (BLB) abgelehnt. Nur 59 Prozent stimmten zu; eine Zweidrittelmehrheit wäre nötig gewesen. Ein paar Stunden zuvor hatten in Huttwil die Aktionäre der Bernerland-Bank dem Fusionsvertrag mit 75 Prozent Ja-Stimmen zugestimmt.

 

«Für die Zukunft gerüstet»

 

«Die neue Bank wird gross genug sein, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern», sagte Verwaltungsratspräsident Walter Neuenschwander vor der Abstimmung in Münsingen. Es sind Worte, wie sie immer bei Fusionen bemüht werden. Die Aktionäre liessen sich davon nicht beeindrucken.

 

Als nach der elektronisch durchgeführten Abstimmung das Resultat von 60,9 Prozent an die Wand projiziert wurde, verlangte VR-Präsident Neuenschwander eine Auszeit, um das weitere Vorgehen mit dem Verwaltungsrat zu besprechen. Zurück am Rednerpult, sagte er, der auch für die BDP im Grossen Rat politisiert: «Sie haben eben die Fusion abgelehnt, wollen Sie das wirklich?» Sogleich meldete sich ein Aktionär zu Wort, der ein feuriges Plädoyer für die Fusion hielt und den Antrag stellte, nochmals abzustimmen. Als neutraler Beobachter erhielt man den Eindruck, das Ganze sei inszeniert.

 

Auf keinen Fall inszeniert waren die Reaktionen auf diesen Wiedererwägungsantrag. «Wir haben abgestimmt. Ich werde mit allen möglichen rechtlichen Schritten Beschwerde einreichen, falls nochmals abgestimmt wird», sagte ein Aktionär. Ein anderer erklärte, der VR sollte die demokratischen Regeln beachten. Noch mal ein anderer stellte den Antrag, über gewisse Punkte einzeln abzustimmen. Schliesslich wurde über den ersten Antrag abgestimmt, nicht aber über den zweiten. 56,7 Prozent stimmten für eine Wiederholung der Abstimmung. Diese brachte erneut keine 66 Prozent Ja-Stimmen, sondern sogar nur noch 59,1 Prozent; noch weniger als im ersten Anlauf.

 

«Bank» – ein Unwort?

 

Mehrere Gründe sorgten für die kritische Haltung: Ein Mann aus Worb störte sich an der Namensänderung. Man solle den hervorragenden Markennamen Spar- und Leihkasse Münsingen nicht mit dem Unwort «Bank» ersetzen. Ein anderer beklagte sich darüber, dass die nächste Aktionärsversammlung in der Ilfishalle in Langnau stattfinden solle. Damit werde mit einer Tradition gebrochen. Ein weiterer Aktionär bezeichnete sich als «Fusionsopfer», als ehemaligen Aktionär der Spar- und Leihkasse Steffisburg, welche von der Valiant-Holding übernommen wurde. Wiederum andere erklärten, sie sähen keinen Vorteil eines Zusammenschlusses. Eine Frau meinte, sie fände es falsch, die Bank mit der Auszahlung einer Sonderdividende zu schwächen, nur um mit einer anderen Bank fusionieren zu können. Die Frau erhielt null Applaus. Viel Applaus erhielten dagegen jene, die sich für eine Fusion starkmachten. Aufgrund dieser Atmosphäre schien der Mist gekarrt zu sein – bis dann eben das Resultat an die Wand projiziert wurde und für konsternierte Gesichter sorgte.

 

KOMMENTAR: Emotionale Gründe überwogen

Wie begossene Pudel sassen die CEOs und VR-Präsidenten der Bernerland-Bank Sumiswald (BLB) und der Spar- und Leihkasse Münsingen (SLM) da, als sie sich den Fragen der Medien stellten. Nur wenige Minuten zuvor hatten ihnen die Aktionäre der SLM eine Abfuhr erteilt. Die Verantwortlichen machten keinen Hehl daraus, dass sie sehr enttäuscht waren. Das ist verständlich: Sie waren von den Vorteilen einer Fusion felsenfest überzeugt, sie hatten viel Herzblut ins Vorhaben gesteckt, wahrscheinlich viele Überstunden geleistet und sich auf ihre neue Aufgabe gefreut.

 

Die Verantwortlichen waren nicht nur enttäuscht; sie waren von der ablehnenden Haltung der Aktionäre auch überrascht. «Jetzt verfolgen wir den Plan B», sagte VR-Präsident Walter Neuenschwander. Das heisst, so weiterfahren wie bisher. Die CEOs hinterliessen freilich nicht den Eindruck, dass sie von diesem Plan B überzeugt wären. Dabei hatten sie im Vorfeld stets beteuert, dass beide Banken auf diese Fusion nicht

angewiesen seien. Beide Banken seien gesund. Doch ihnen gehe es um die Zukunft. Die Rahmenbedingungen würden sich verschlechtern. Gemeinsam könnten sie die Zukunft besser meistern. Die Argumente vermochten nicht genügend Aktionäre zu überzeugen. Das qualifizierte Mehr von 66 Prozent wurde mit 59 Prozent Ja-Stimmen deutlich verfehlt. Emotionale Gründe überwogen, weil zu wenig rationale Gründe für eine Fusion sprechen.

 

Die beiden CEOs Peter Ritter (BLB) und Beat Hiltbrunner (SLM) haben Schiffbruch erlitten. Das ist keine Katastrophe. Wer nichts wagt, gewinnt nichts. Offen ist, ob die beiden die richtigen Lehren ziehen. Eine Regionalbank ist eine Bank von der Region für die Region. Die Leute identifizieren sich mit ihr. Das ist die grosse Stärke einer Regionalbank. Für überregionale Institute besteht weniger Bedarf. Davon gibt es genug.

 

Erschienen in der BZ am 5. November 2010


Claude Chatelain