2. Säule: Die Versicherer haben die Kunden auf ihrer Seite

Die Gewerkschaften haben viele Feindbilder. Eines davon – vielleicht sogar das grösste – sind die Lebensversicherungen. Die Linken sähen es am liebsten, wenn sich die Versicherungen von der 2.Säule verabschieden und dort nur noch als Rückversicherer agieren würden. Weil dieses Ansinnen politisch keine Chancen hat, attackieren die Gewerkschaften die Versicherungsgesellschaften, wo sie nur können. So auch gestern, als der Dachverband Travailsuisse an der Medienkonferenz vorrechnete, dass die Lebensversicherer in der beruflichen Vorsorge zu hohe Gewinne erzielten – über 600 Millionen im vergangenen Jahr.

KMU schätzen es, alle Risiken und auch die berufliche Vorsorge unter einem und demselben Dach zu versichern.
KMU schätzen es, alle Risiken und auch die berufliche Vorsorge unter einem und demselben Dach zu versichern.

Man darf sich fragen, was börsenkotierte, auf Gewinnmaximierung fokussierte Unternehmen in einer Sozialversicherung zu suchen haben. Dies umso mehr, da die Versicherungslobby auf der politischen Bühne enormen Druck ausübt, um die Gesetze nach ihrem Geschmack umzubiegen – sei das bei der Senkung des Umwandlungssatzes oder des gesetzlichen Mindestzinses.

 

Das Hauptproblem liegt darin, dass wir in der beruflichen Vorsorge zwei Welten haben: die Welt der betriebseigenen Pensionskassen und autonomen Sammelstiftungen sowie die Welt der Lebensversicherungen mit ihrem Vollversicherungsmodell. Erstere rapportieren der kantonalen Stiftungsaufsicht, letztere der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht. Die beiden Modelle haben unterschiedliche Anforderungen zu erfüllen. Autonome Pensionskassen können auch Unterdeckungen aufweisen; die Lebensversicherungen dürfen das nicht. Sie müssen im Vollversicherungsmodell stets eine hundertprozentige Deckung aufweisen. Im Vollversicherungsmodell ist es also ungleich schwieriger, den vom Bundesrat festgelegten Mindestzins zu erwirtschaften.

 

Der Markt gibt den Gewerkschaften Unrecht


Gleiche Gesetze für zwei total verschiedene Modelle – das geht eigentlich nicht. Deshalb haben die Gewerkschaften nicht ganz unrecht, wenn sie die Lebensversicherungen in die Wüste schicken möchten. Doch nun kommt der Markt ins Spiel: Kein Unternehmer ist verpflichtet, seine Angestellten bei einem Lebensversicherer zu versichern. Er könnte für die berufliche Vorsorge ebenso gut eine autonome Sammelstiftung wählen wie Asga, Swisscanto, Profond oder wie sie alle heissen. Nur müsste er dann in Kauf nehmen, dass er bei einer Unterdeckung unter Umständen Sanierungsbeiträge leisten muss. Das ist nicht sonderlich beliebt. Weiterhin beliebt ist jedoch das Vollversicherungsmodell der Lebensversicherer. 156’000 KMU mit über einer Million Versicherten verlassen sich darauf. Freiwillig.

 

Claude Chatelain