Für die KMU ist die Sicherheit wichtiger als die Rendite

Die Gewerkschaften möchten die Lebensversicherungen aus der zweiten Säule verbannen. Doch der Markt verlangt etwas anderes: Die Lebensversicherer verzeichnen in der beruflichen Vorsorge sogar eine Zunahme, wie eine Umfrage dieser Zeitung ergab.

Der Gewerkschaftsdachverband Travailsuisse hat gestern an einer Medienkonferenz einmal mehr eine Attacke gegen die Lebensversicherer geritten. Er stört sich daran, dass die Lebensversicherer im zurückliegenden Jahr mehr als 600 Millionen Franken Gewinn machten. Und er sagt, dass die Versicherer der 2. Säule seit 2005 knapp 3 Milliarden Franken entzogen haben. Was er aber nicht sagte: Vom gesamten Vorsorgevermögen der 2. Säule von 621 Milliarden Franken machen besagte 628 Millionen 1 Promille aus. «Solange die Lebensversicherer dank einer abenteuerlichen Auslegung der Überschussverteilung Jahr für Jahr über eine halbe Milliarde Franken der 2. Säule entnehmen, sind Rentenkürzungen und Beitragserhöhungen inakzeptabel», sagte Gewerkschaftspräsident Martin Flügel.

Jeder vierte Schweizer weiss nicht, wo sein Geld liegt

43 Prozent der Angestellten in der Schweiz haben die berufliche Vorsorge bei einer Versicherungsgesellschaft versichert. Ein Problem besteht jedoch auch darin, dass sich ein grosser Teil der Versicherten dessen gar nicht bewusst ist. Laut einer Umfrage von Isopublic konnten 26 Prozent der Befragten nicht sagen, wo ihr Geld angelegt ist. Wichtig ist diese Frage insofern, als die berufliche Vorsorge in der Schweiz aus zwei Welten besteht: auf der einen Seite die Welt der betriebseigenen Pensionskassen und autonomen Sammelstiftungen. Auf der anderen Seite die Welt der Lebensversicherer mit ihrem Vollversicherungsmodell (siehe Infothek). Die zwei Welten unterscheiden sich unter anderem darin, dass die börsenkotierten Versicherungsgesellschaften mit ihrem Vollversicherungsmodell Geld für ihre Aktionäre verdienen wollen, derweil betriebseigene Pensionskassen keine Gewinne anstreben. Sollte der Pensionskassenmanager beim Anlegen der Gelder ein glückliches Händchen haben, so kommt dies bei autonomen Einrichtungen vollumfänglich den Versicherten zugute.

Unterschiedliche Aufsicht und verschiedene Auflagen

Mindestens so relevant ist der Umstand, dass autonome Vorsorgeeinrichtungen von der kantonalen Stiftungsaufsicht, die Lebensversicherer hingegen von der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma) beaufsichtigt werden. Die beiden Vorsorgetypen haben damit unterschiedliche Auflagen zu erfüllen. Die wichtigste ist jene des Deckungsgrades. So können autonome Pensionskassen auch Unterdeckungen aufweisen, wovon insbesondere die öffentlich-rechtlichen Kassen leidlich Gebrauch machen; die Lebensversicherungen dürfen das nicht. Sie müssen im Vollversicherungsmodell stets eine hundertprozentige Deckung aufweisen.

Das führt notgedrungen dazu, dass die Versicherer in ihrer Anlagepolitik im Vergleich zu den autonomen Kassen nur tiefere Risiken fahren dürfen. Es ist also für Versicherungsgesellschaften schwieriger, den vom Bundesrat festgelegten gesetzlichen Mindestzins und die gesetzlich vorgebene Rentenhöhe zu erwirtschaften. Aufgrund der vorsichtigeren Anlagepolitik und der hundertprozentigen Deckung des Vorsorgekapitals sollte man also im Vollversicherungsmodell keine bösen Überraschungen erleben, wie das zum Beispiel die Angestellten der SBB, die Versicherten der inzwischen liquidierten Ascoop oder die Lehrerinnen und Lehrer im Kanton Bern erleben mussten. Ihre Kassen gerieten in eine massive Unterdeckung, sodass nun die Versicherten, die noch im Berufsleben sind, Sanierungsbeiträge abliefern müssen. Die Lebensversicherer garantieren also mit ihrem Vollversicherungsmodell eine höhere Sicherheit. Und die Sicherheit ist in der beruflichen Vorsorge der wichtigste Punkt. «Könnten die Versicherten ihre Pensionskas-se selbst aussuchen, würden sie dem Sicherheitsaspekt die grösste Bedeutung beimessen», schrieben die Autoren der erwähnten Umfrage. 90 Prozent der Befragten nannten die Kapitalsicherheit als wichtigstes Kriterium.

Das Vollversicherungsmodell ist nach wie vor gefragt

Von den 3,7 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sind über 1 Million bei den fünf grössten Anbietern versichert, die noch das Vollversicherungsmodell anbieten. Die Zahlen haben sich im Verlauf der Jahre nicht gross verändert – trotz der Dauerkritik der Gewerkschaften. Es sind vor allem kleine und mittelgrosse Unternehmen (KMU), die für ihre Angestellten das Vollversicherungsmodell mit der höchstmöglichen Sicherheit wählen. Häufig tun sie das auch aus praktischen Gründen, indem sie die Betriebshaftpflicht und alle anderen Versicherungen und eben auch die berufliche Vorsorge bei ein und demselben Unternehmen versichert haben. Aufgepasst: Nicht jeder Lebensversicherer bietet eine Vollversicherung an: Die Zürich beispielsweise führt unter dem Markennamen Vita eine autonome Sammelstiftung mit rund 130 000 Versicherten.          

 

Erschienen in der BZ am 18. Oktober 2012

 

Claude Chatelain