Aktien kaufen - jetzt erst recht?

Der tiefe Fall der Aktienkurse beschert manchem Anleger schlaflose Nächte. Für Börsen-Neulinge bietet die Krise aber auch die Chance, gerade jetzt zu günstigen Kursen einzusteigen.

Das Ritual wiederholt sich in hartnäckiger Regelmässigkeit: Aktienkurse steigen und steigen, nur um irgendwann in die Tiefe zu fallen, ehe sie wieder zum Steigflug ansetzen. Anleger scheinen aus diesem Auf und Ab keine Lehren zu ziehen, obwohl das Phänomen der schwankenden Börsenkurse so alt ist wie die Börsen selbst. Die meisten Anleger kaufen, wenn die Börse boomt, und sie verkaufen, wenn die Kurse im Keller sind. Dabei sagt doch eine altbekannte Börsenregel: Kaufe in der Baisse - verkaufe in der Hausse.

Jetzt haben wir eine solche Baisse: Am 4. Juni 2007 lag der Swiss Market Index (SMI) bei 9548 Punkten. Doch in den vergangenen Wochen fiel der Aktienindex der 20 grössten Schweizer Unternehmen zwischendurch auf unter 5300 Punkte. Somit sind die wichtigsten Aktien der Schweiz im Schnitt 44 Prozent günstiger zu haben als vor 17 Monaten. Und doch will gegenwärtig niemand mehr Aktien kaufen.

Im Juni 2007 waren alle kaufwillig, nachdem die Aktienkurse während vier Jahren von Rekord zu Rekord geklettert waren. Beflügelt von Buchgewinnen des Nachbarn, stiegen auch unbedarfte Sparer auf den rollenden Börsenzug. Dieses Phänomen nennt man im Fachjargon «Putzfrauen-Hausse»: Die Stimmung an der Börse ist derart euphorisch, dass selbst gänzlich Unerfahrene Aktien kaufen. Heute hingegen ist die Börsenstimmung so, dass Anleger aus Panik ihre Aktien zu Schleuderpreisen auf den Markt werfen.

Kurzsichtigkeit in der Herde

Dieses irrationale Verhalten ist auf einen psychologischen Effekt zurückzuführen, der Myopie genannt wird, Kurzsichtigkeit. «Der Mensch tendiert dazu, kürzlich gemachte Erfahrungen in die Zukunft zu extrapolieren und weiter zurückliegende Erfahrungen zu vergessen», schreibt Professor Erwin Heri in «Moden und Mythen an den Anlagemärkten». Ein anderer psychologischer Effekt ist das Herdenverhalten. Auch hier haben Experimente bestätigt, dass Anleger dazu tendieren, das nachzuahmen, was alle anderen auch gerade tun. Laut Heri scheint es einfacher, einen Fehler zu rechtfertigen, den alle gemacht haben, denn als Einziger falschzuliegen.

Wohl sind manche Anleger heute der Meinung, die Kurse könnten noch tiefer fallen - was sehr wohl möglich ist. Doch es ist eine Binsenwahrheit, dass es selbst professionellen Anlegern höchstens zufällig gelingt, den Zeitpunkt zu erwischen, in dem die Kurse die Talsohle durchqueren. Und wenn die Kurse nach einer längeren Baisse zum Steigflug ansetzen, tun sie das in den ersten Stunden derart rasant, dass die meisten Anleger zu spät kommen und erst wieder Aktien kaufen, wenn die Kurse deutlich höher notieren. Deshalb heisst die Devise: Wenn Aktien kaufen, dann jetzt. Nur so besteht die Gewähr, dass man beim nächsten Börsenrallye im Cockpit sitzt, statt es von den Zuschauerrängen aus zu verfolgen.

Allerdings gilt es bei jedem Aktienkauf, gewisse Regeln zu befolgen. Man muss wissen, dass Aktienkurse fallen und längere Zeit am Boden verharren können. Und vor allem muss man mit diesem Umstand umgehen können.

Wer etwas wagt, muss warten können

Die Finanzlehre spricht hier von Risikofähigkeit und Risikobereitschaft. So wird geraten, man solle nur mit jenem Geld Aktien kaufen, auf welches man notfalls auch verzichten kann. Diese absolute Formulierung ist zu relativieren, solange man nicht in einzelne Aktien, sondern in Aktienfonds investiert. Diese setzen sich aus einer Vielzahl von Aktien zusammen, was das Risiko begrenzt. Jedoch können auch solche Anlagefonds über Jahre im Minus liegen. Konsequenterweise sollte man also nur mit solchem Geld Fonds kaufen, auf welches man während mindestens fünf Jahren verzichten kann. So viel zur Risikofähigkeit.

 

Erschienen in der BZ am 3. Februar 2009

Claude Chatelain