Vierte Säule: Zur Initiative “Sicheres Wohnen im Alter”

Die Initiative "Sicheres Wohnen im Alter" ist ungerecht
Die Initiative "Sicheres Wohnen im Alter" ist ungerecht

Mein Redaktionskollege Bernhard Kislig spricht sich gegen die Volksinitiative «Sicheres Wohnen im Alter» aus. Das hindert mich nicht daran, am 23.September Ja zu stimmen. 

Im Vergleich zu Kollege Kislig ist meine Pensionierung nicht mehr so weit weg. Wird die Initiative des Hauseigentümerverbands angenommen, könnte ich enorm profitieren – so wie alle anderen Rentner auch, die Wohneigentum besitzen. Ich müsste den Eigenmietwert nicht mehr versteuern. Umgekehrt könnte ich zwar die Schuldzinsen nicht mehr in Abzug bringen. Doch unter dem Strich fahre ich mit der neuen Regelung besser.

 

Das sind für mich rosige Aussichten, zumal ich als Rentner auch das Generalabonnement der SBB günstiger erhalte und für einen YB-Match im Wankdorf – auch bekannt unter Stade de Suisse oder Stade de Vent – weniger bezahlen muss.

 

Dass all die jüngeren Hausbesitzer sowie all die Mieterinnen und Mieter, die in der Schweiz immer noch in der Überzahl sind, mir dieses Steuergeschenk geben wollen, finde ich rührend. Wobei ich nicht abstreiten will, dass ich ein bisschen rot werde beim Gedanken daran, dass sie dadurch insgesamt 750 Millionen Franken mehr Steuern bezahlen müssen – und das Jahr für Jahr.

 

Neben der Röte im Gesicht habe ich auch ein schlechtes Gewissen, wenn ich am 23.September ein Ja in die Urne lege. Wie sage ich das meinen Kindern? Wie soll ich ihnen erklären, dass ich künftig weniger und sie künftig mehr Steuern zahlen müssen? Nun, ich sage ihnen: Geht Nein stimmen. Ihr seid ja in der Überzahl.

 

Erschienen in der BZ am 10. September 2012

 

Claude Chatelain