Aktien erzählen Wirtschaftsgeschichte

Aus der Bank für Transportwerthe in Basel ging die Trans K-B. des Hans Kopp hervor.
Aus der Bank für Transportwerthe in Basel ging die Trans K-B. des Hans Kopp hervor.

Wie bereitet man einem Anleger Freude? Indem man ihm ein Wertpapier schenkt, das nicht nur wertvoll, sondern auch kunstvoll ist. Bedingung: Der Beschenkte muss sich für Geschichte interessieren.

 

Was schenkt man dem Grossvater zum Achtzigsten? Oder dem Vater zum Siebzigsten? Da sie schon alles haben und eine Flasche Bordeaux nicht gerade von Originalität strotzt, könnte ein historisches Wertpapier das Problem lösen. Das Geschenk vereint zwei Sachen: Geschichte und Kunst. Zu haben sind solche Papiere bei Fritz Ruprecht in Ittigen. Er ist Mitbesitzer der Hiwepa, die mit solchen Papieren handelt und einmal pro Jahr eine Auktion durchführt.

«Ich kaufe die Papiere, weil mich die Geschichte interessiert», sagt Fritz Ruprecht, der sich hauptberuflich mit nicht kotierten Aktien beschäftigt. So hat er jüngst in Frankfurt für 10 000 Euro ein Zertifikat über 740 Aktien der Standard Oil Company gekauft, dreimal von John D. Rockefeller persönlich unterzeichnet. Nun

Das Papier erinnert an die Schmelzkäse-Pioniere aus Thun.
Das Papier erinnert an die Schmelzkäse-Pioniere aus Thun.

geht Ruprecht der Geschichte nach. Er will wissen, weshalb damals am 10. Januar 1877 das Zertifikat herausgegeben wurde, zu welchem Zweck das Kapital erhöht und das Papier allenfalls vor- oder nachdatiert wurde. Sobald Ruprecht die Geschichte kennt, gibt er das Papier in die Auktion. Und so wird man im Auktionsprospekt neben dem abgebildeten Wertpapier die entsprechende Historie nachlesen können.

 

Amerikaner trickst Thuner aus

 

So wurde zum Beispiel an der letzten Aktion von Mitte Mai ein Papier der Gerber & Co. AG Thun versteigert. Mindestens so spannend wie die Faksimile-Unterschriften von Walter Gerber und Fritz Stettler ist die Geschichtslektion. Die beiden erfanden ein Verfahren, um den Käse haltbar zu machen. «Weil aber die Patentgesetze in der Schweiz einen Schutz auf Schmelzkäse verhinderten, sind Nachahmer schnell zur Stelle», steht im Auktionsprospekt zu lesen. Und so gelang es der Phenix Chees Corporation, den Schmelzkäse in den USA zu patentieren, ohne dass Geber etwas davon wusste. Der amerikanische Bauernsohn und Käsehändler James Lewis Kraft wurde auf diesem Weg zum grössten Käseverkäufer der Welt.

 

Erinnerung an Hans W. Kopp

 

Fritz Ruprecht zeigt eine 1000-Franken-Obligation der «Bank für Transportwerthe in Basel» (kein Druckfehler). Der Name wird nur den wenigsten etwas sagen. Bekannter wenn nicht berüchtigter ist hingegen der Name Trans K-B. Die Risikokapitalgesellschaft ging 1982 in Konkurs, VR-Präsident war der spätere Bundesratsgatte Hans W. Kopp. 

Wer weiss schon, dass es mal eine Bern-Luzern-Bahn gab.
Wer weiss schon, dass es mal eine Bern-Luzern-Bahn gab.

Manche mögen sich noch an die BN erinnern, die Bern-Neuenburg-Bahn. Sie wurde 1997 mit der BLS fusioniert. Es gab aber auch mal eine Bern-Luzern-Bahn. An diese vermag sich niemand mehr zu erinnern. Man kennt sie höchstens aus dem Geschichtsbuch oder vom Hörensagen. 1875 übernahm die BLB den Verkehr auf der Strecke Bern–Langnau–Entlebuch–Luzern. Nur drei Jahre später musste die Bahn aufgrund überhöhter Baukosten zwangsliquidiert werden. Der Kanton Bern als Hauptgläubiger hat dann die Bahn aus der Konkursmasse für 8,5 Millionen gekauft, also annähernd zu dem Preis, den die BLB allein für das Teilstück Gümligen–Langnau bezahlt hatte. Noch vorher hatte der Regierungsrat im Geheimen einen Vorschuss bezahlt, ohne den Grossen Rat zu informieren. Im August 1877 hat das Volk die Vorlage für diese «Vorschussmillion» wuchtig verworfen. Alle Regierungsräte boten sodann den Rücktritt an. Es sollte nicht der letzte Finanzskandal im Staate Bern sein. «Möchte man einen Berner Exekutivpolitiker würdigen, könnte man ihm eine Aktie der BLB schenken», meint Fritz Ruprecht. Sie kostet um die 320 Franken.

Das Zertifikat des Palace Hotels in Mürren über 100 Preffered Shares aus dem Jahr 1911 erinnert an bessere Zeiten.
Das Zertifikat des Palace Hotels in Mürren über 100 Preffered Shares aus dem Jahr 1911 erinnert an bessere Zeiten.

Bessere Zeiten des Palace

 

Unrühmlich ist auch die jüngste Geschichte des Palace-Hotels in Mürren. An bessere Zeiten erinnert dafür ein Zertifikat über 100 Preffered Shares aus dem Jahr 1911. Sir Henry Lunn und seine Alpine Sports Ltd. erwarben das 1872 eröffnete und 1884 durch einen Brand zerstörte Grand Hotel des Alpes und führten es als Hotel Palace weiter. Seit Sommer 2009 ist das einer Kasachin gehörende Hotel geschlossen und befindet sich in Nachlassstundung. Kürzlich feierte ein Bauunternehmen sein 125-Jahr-Jubiläum. Ruprecht empfahl den Organisatoren des Jubiläumsanlasses eine Collage, bestehend aus Aktien des Panamakanals. Auch diese Papiere sind 125 Jahre alt.

 

Kleine Kunstwerke

 

Wem der Sinn weniger nach Historischem, dafür umso mehr nach Ästhetischem steht, interessiert sich womöglich

Diese Prioritätsaktie kostet um die 180 Franken.
Diese Prioritätsaktie kostet um die 180 Franken.

für eine Prioritätsaktie der Aktiengesellschaft Hotels Victoria & Baumgarten in Thun. Sie kostet um die 180 Franken. Wunderschön auch das Papier der Schweizerischen Kreditanstalt mit der Faksimile-Unterschrift des Verwaltungsratspräsidenten W. C. Escher. Hierfür muss man jedoch schon tiefer in die Tasche greifen. Der Schätzpreis an der Aktion lag bei 12 000 Franken. Und nochmals schöner, schon fast ein Kunstwerk, die 500-fränkige Gründeraktie der «Vereinigten Dampfschiffahrts-Gesellschaft des Thuner- und Brienzersee’s». Sie ist nicht nur schöner, sie ist auch teurer: rund 30 000 Franken.

 

Erschienen in der BZ am 4. September 2012

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Claude Chatelain