Warum niemand die Valiant-Bank kaufen will

Wenn der Börsenwert einer Aktiengesellschaft stark abnimmt, wird die Firma zu einem Übernahmekandidat. Das gilt auch für Valiant. Doch niemand scheint an der Regionalbank Interesse zu haben.

Grossbanken sind kapitalmässig derart schwach aufgestellt, dass sie sich selbst ein angebliches Schnäppchen nicht leisten können.
Grossbanken sind kapitalmässig derart schwach aufgestellt, dass sie sich selbst ein angebliches Schnäppchen nicht leisten können.
   
Ein Schnäppchen?

 

Ist die Valiant-Aktie bei einem Kurs von 77.35 Franken ein Schnäppchen? Mit einer Dividendenrendite von 4 Prozent ist der Titel im historischen Vergleich überaus attraktiv – aber eben nur im historischen Vergleich. Andere Finanztitel haben derzeit noch höhere Dividendenrenditen: Bei Baloise, Swiss Re und Helvetia liegt die geschätzte Rendite laut Zahlen der AEK Bank bei über 5 Prozent; bei der Zürich beträgt sie sogar 7,41 Prozent. Zudem besteht nie Gewähr, dass die Dividende nicht gekürzt wird und somit eine tiefere Rendite resultiert.
Auch gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp 10, welches den geschätzten Gewinn in Relation zum heutigen Kurs setzt, ist die Valiant-Aktie nur im historischen Vergleich extrem günstig. Swiss Life hat ein KGV von 6,1; Swiss Re von 6,3.

 

2009 hatte die Valiant-Bank einen Börsenwert von 3,4 Milliarden Franken. Der Aktienkurs lag bei 202 Franken. Mittlerweile ist die Aktie auf unter 80 Franken abgesackt. Damit ist die einst so wachstumshungrige Regionalbankengruppe an der Börse noch rund 1,2 Milliarden Franken wert. Selbst wenn der potenzielle Käufer den Aktionären noch einen Zuschlag von 30 Prozent auf dem heutigen Aktienkurs offeriert, muss er für die Regionalbank mit einer Bilanzsumme von 25 Milliarden Franken aufgerundet nur noch rund 1,6 Milliarden Franken hinblättern. Ein Schnäppchen? Ein Schnäppchen ist Valiant (VATN 78.35 -0.82%) vor allem bezüglich des Buchwerts. Dieser liegt bei 116 Franken pro Aktie, also deutlich über dem gestrigen Schlusskurs von 77.35 Franken. Das schreit nach einer Übernahme, denn in der Vergangenheit wurden bei Firmenübernahmen Preise offeriert, die deutlich über dem Buchwert lagen. Warum ist niemand da, der den gebeutelten Valiant-Aktionären ein Kaufangebot unterbreitet?



Wir spekulieren.

Warum nicht ein internationaler Bankenkonzern? Grossbanken wie etwa die Royal Bank of Scotland oder auch die Hongkong and Shanghai Banking Corporation liessen in früheren Zeiten schon mal durchblicken, einem Kauf einer Bankengruppe in der Schweiz nicht abgeneigt zu sein. Doch diese und auch andere internationale Banken sind kapitalmässig derart schwach aufgestellt, dass sie sich selbst ein angebliches Schnäppchen nicht leisten können. Sie müssen zuerst dafür sorgen, die strengeren Eigenmittelvorschriften laut «Basel III» zu erfüllen.

 

Wie wäre es mit einer Kantonalbank? Als erste kommt einem die Zürcher Kantonalbank in den Sinn. Sie hält bereits einen Anteil von über 3 Prozent an Valiant. Hier könnte man einwenden, dass die ZKB eine Staatsgarantie besitzt. Es kann nicht im Interesse der Zürcherinnen und Zürcher sein, diese über die Kantonsgrenzen auszuweiten. Diesem Argument ist entgegenzuhalten, dass die Basler Kantonalbank ebenfalls Mehrheitsaktionärin einer schweizweit tätigen Bank ist, der Bank Coop. Diese wird separat geführt und profitiert nicht von der Staatsgarantie. Fraglich ist, wo eine ZKB die Synergie ortet, wenn das übernommene Institut nicht vollständig integriert werden kann.

 

Wo sind die Lebensversicherungen? Einst waren Versicherer erpicht darauf, sich Banken einzuverleiben. Allfinanz wurde zum Schlagwort. Etliche haben sich von diesem Ansinnen wieder verabschiedet: Swiss Life hatte 1999 die Banca del Gottardo für 2,4 Milliarden Franken gekauft und acht Jahre später für 1,87 Milliarden wieder verkauft. Das Abenteuer war nicht nur ein finanzieller Flop. Auch die unternehmerische Vision erfüllte sich nicht. Ähnliche Erfahrungen machte die Credit Suisse mit der Winterthur, die sie der französischen Axa veräusserte. Und die Zürich nannte sich im Allfinanz-Boom Zurich Financial Services, nur um sich wenige Jahre später von dieser Markenstrategie wieder zu verabschieden.

Oder ein Hedgefonds? Solche Konstrukte sind bekannt dafür, wenig transparent zu sein. Das gilt auch für ihre Strategie. Doch wenn Hedgefonds unterbewertete Aktiengesellschaften kaufen, dann tun sie dies in der Absicht, diese aufzupäppeln und später mit einem Gewinn wieder zu verkaufen. Im Fall der Valiant-Holding müssten die neuen Eigner also Kapital einschiessen, um die Regionalbankengruppe erneut auf Wachstumskurs zu trimmen. Doch Regionalbanken, die naturgemäss auf das Zinsengeschäft fokussiert sind, versprechen nicht das lukrative Business. Die Zinsen sind am Boden. Man kann mit der Entgegennahme von Spargeldern und dem Ausleihen von Hypotheken und anderen Krediten derzeit kaum Geld verdienen.

 

Niemand ist in Sicht, der die Valiant-Holding kaufen möchte. Das denkt sich ganz offensichtlich auch die Investorengemeinde. Wäre ein Käufer in Sicht, würden Investoren Aktien kaufen in der Hoffnung, ein Käufer offeriere einen Preis über dem Buchwert. Das würde den Kurs nach oben treiben. Frustrierend muss das für jene Valiant-Aktionäre sein, welche für die Aktien noch 200 Franken bezahlten. Sie könnten der Versuchung erliegen, neue Aktien für 77 Franken zu kaufen und auf Kurssteigerungen zu hoffen. Sie würden damit die Kursverluste verkleinern und könnten laut Börsenlexikon «Moyenne machen». Dagegen spricht jedoch eine Börsenregel: Man soll nicht gutes Geld dem schlechten hinterherwerfen. 

 

Erschienen in der BZ am 24. August 2012

Claude Chatelain