«Die Kantonalbank hat ausländische Kunden, zu denen sie steht»

BEKB-Chef  Hanspeter Rüfenacht.
BEKB-Chef Hanspeter Rüfenacht.

Die Berner Kantonalbank (BEKB) will im Geschäft mit deutschen Kunden nicht abseitsstehen. Sie bereitet derzeit – trotz der Ungewissheit – ihr Informatiksystem für die Abgeltungssteuer vor, wie BEKB-Chef Hanspeter Rüfenacht erklärt.

 

Herr Rüfenacht, arbeiten Ihre Informatiker derzeit auch für die Katz? 

Hanspeter Rüfenacht: Damit müssen wir rechnen, falls das Steuerabkommen mit Deutschland abgelehnt wird und gewisse Arbeiten nicht umgesetzt werden können.

Sie könnten auf die Abgeltungssteuer verzichten und bloss die Variante «freiwillige Meldung» anbieten, wie das die Postfinance macht.

Falls das Steuerabkommen in Kraft tritt, wird die Abgeltungssteuer auch rückwirkend wirksam. Wir können uns also der Abgeltungssteuer nicht entziehen.

 

Haben Sie entsprechende Überlegungen gemacht, nur die freiwillige Meldung anzubieten?

Ja, ausländische Kunden gehören nicht zu unserem Kerngeschäft. Und doch haben wir Kunden mit Domizil Ausland, zu denen wir stehen. Das können Ausländer sein, die zum Beispiel im Berner Oberland Wohneigentum haben und uns bestätigen, dass ihr Vermögen deklariert ist, aber auch Auslandschweizer und Doppelbürger. Wir sind zum Schluss gekommen, dass die Berner Kantonalbank zu gross ist, als dass sie diesen Kunden die Variante Abgeltungssteuer nicht anbieten würde.

 

Wie hoch schätzen Sie die Informatikkosten, die aufgrund dieser Neuerungen anfallen?

Wir kennen die regulatorischen Anforderungen noch nicht im Detail. Die Kosten dürften sich auf mehrere Millionen Franken belaufen.

 

Die BEKB hat heute das Halbjahresergebnis bekannt gegeben. Wir erklären Sie den massiven Rückgang des Bruttogewinns von 19 Prozent?

Der Hauptgrund liegt in den hohen Absicherungskosten. Für den Fall, dass die Zinsen steigen, wollen wir uns absichern, was mit hohen Kosten verbunden ist. Ohne diese Absicherungskosten hätte der Bruttogewinn um 6 Prozent zugenommen. Anders gesagt: Trotz Absicherungskosten von 25 Millionen haben wir einen Halbjahresgewinn vor Steuern von über 82 Millionen Franken erzielt.

 

Andere Banken verzichten auf solche Absicherungen, eben weil sie so teuer sind.

Wir haben uns anders entschieden. Das Zinsänderungsrisiko ist eines der grössten Risiken einer Bank. Die Gefahr besteht darin, dass man bei steigenden Zinsen mehr Zins für entgegengenommene Gelder zahlen muss, als man für ausgegebene Kredite erhält. Dagegen muss man sich absichern angesichts der unsicheren Lage im Euroland.

Gut gelaunter BEKB-Chef
Gut gelaunter BEKB-Chef

Wäre es nicht gescheiter, keine langfristigen Hypotheken von mehr als fünf Jahren zu vergeben? Damit könnten Sie Absicherungskosten sparen.

Der Markt verlangt heute auch langfristige Hypotheken. Wir wollen auch diese unseren Kunden anbieten, wenn auch zu etwas höheren Kosten.

 

Versuchen Sie also den Kunden die zehnjährige Hypothek auszureden? 

Eine zehnjährige Festhypothek finde ich für eine Privatperson nicht gut. Zu viel kann passieren in zehn Jahren. Schon vor drei Jahren hatten wir günstige Zinsen. Auch damals schlossen Kunden langfristige Hypotheken ab. Sie sind heute nicht glücklich darüber. Sie machen uns sogar Vorwürfe und fragen uns, weshalb wir ihnen ein solches Produkt verkauft hätten.

 

Also sollten Sie erst recht auf langfristige Hypotheken verzichten und die Absicherungskosten sparen.

Auch für kürzere Laufzeiten von unter fünf Jahren wollen wir uns absichern. Eine Zinsänderung kann sehr schnell erfolgen.

 

Erkennen Sie im Kanton Bern eine Immobilienblase?

Es gibt ein paar Gegenden, wo gewisse Übertreibungen stattgefunden haben. Doch insgesamt sehe ich keine Immobilienblase.

 

Welche Gegenden?

In Gstaad, Grindelwald, am Thunerseeufer und auch im Berner Speckgürtel sind zum Teil stolze Preise bezahlt worden.

 

Welche Akzente wollen Sie als neuer BEKB-Chef setzen?

Die Kontinuität wird auch unter meiner Führung einen hohen Stellenwert haben. Deshalb braucht es keine neue Ausrichtung. Selbstverständlich müssen wir unsere Tätigkeit laufend optimieren. Vor allem angesichts der raueren Zeiten, die uns bevorstehen.

 

Was heisst das?

Die Erträge werden eher zurückgehen. Deshalb wird der Fokus in erster Linie bei den Kosten liegen. Wir werden darauf achten, dass alle Mitarbeiter optimal eingesetzt sind. Deshalb ist es möglich, dass wir die eine oder andere Stelle, die frei wird, nicht mehr besetzen. Entlassungen sind aber keine geplant.

 

Stehen auch Filialschliessungen zur Diskussion?

Derzeit sind eher Eröffnungen und nicht Schliessungen ein Thema. Im vergangenen Jahr haben wir in Sumiswald und Jegenstorf je eine neue Filiale eröffnet. Ende 2013 wollen wir zudem in Frutigen eine neue Niederlassung eröffnen.

 

Die BEKB ist heute fast ausschliesslich in den Kantonen Bern und Solothurn tätig. Ist ein Sprung in andere Kantone unter Ihrer Führung ein Thema?

Nein. Aber die Übernahme des Hypothekenportefeuilles der Bundespensionskasse Publica zeigt, dass wir Wachstumsmöglichkeiten durchaus wahrnehmen. Bei rund der Hälfte des Portefeuilles handelt es sich um Hypotheken, die an Hausbesitzer ausserhalb der Kantone Bern und Solothurn vergeben wurden.

 

Ärgert es Sie, wenn die Basler Kantonalbank im Private Banking in Bern eine Filiale betreibt und die Zürcher Kantonalbank im Firmengeschäft hier auf Kundensuche geht?

Ich finde es unnötig, dass sich die Zürcher Kantonalbank im Kanton Bern flächendeckend um kleinere und mittlere Unternehmen als Kunden bemüht. Die Berner Unternehmen haben genügend Alternativen vor Ort. Sinnvoller ist es, wenn die Berner und die Zürcher Kantonalbank einem grösseren Unternehmen gemeinsam einen Kredit gewähren.

 

Denken Sie, dass die Offensive der Zürcher Kantonalbank im Kanton Bern schliesslich Erfolg haben wird?

Ich glaube nicht, dass die Zürcher Kantonalbank hier mittel- und langfristig erfolgreich sein wird. Denn wie kann eine Bank auf einem Markt, den sie neu bearbeitet, erfolgreich sein? Indem sie höhere Risiken eingeht oder tiefere Margen in Kauf nimmt.

 

Diese Vorstösse zeigen, wie uneinig die Kantonalbanken untereinander sind.

Jede Kantonalbank hat ihre eigene Rechtsform und verfolgt ihre eigene Strategie. In gewissen Gebieten kooperieren die Kantonalbanken gut. Aber über alles gesehen könnte die Zusammenarbeit besser sein.

 

Die Verwaltungsräte, die Chefs und die Mitarbeiter der BEKB können sich freuen: Im nächsten Jahr wird ihnen eine Prämie von insgesamt 30 Millionen Franken ausbezahlt. Wie viel erhält jeder im Durchschnitt?

Die BEKB verfolgt das Ziel, in der Zeitspanne von 2003 bis 2012 freie Mittel von 800 Millionen bis eine Milliarde Franken zu erwirtschaften. Es ist bereits festgelegt und publiziert, dass je 10 Prozent der Prämie an den Verwaltungsrat und die erweiterte Geschäftsleitung gehen und 80 Prozent an die Mitarbeiter, die seit mindestens fünf Jahren für die BEKB arbeiten. Dies heisst, dass die Prämie für die Mitarbeiter zwischen einem Viertel und einem Drittel eines Jahreslohnes betragen wird und für die Mitglieder der Geschäftsleitung zwischen einem Drittel und der Hälfte.

 

Das sind stolze Summen.

Unser System der Nachhaltigkeitsprämie sieht vor, dass über zehn Jahre jeweils 3 bis 5 Lohnprozent angespart werden. Diese werden erst ausbezahlt, wenn die Bank tatsächlich die gesteckten Ziele erreicht hat.

 

Ende Jahr wird die Staatsgarantie des Kantons Bern auslaufen. Steht diese Abschaffung im Licht der Finanzkrise nicht quer in der Landschaft?

Eine erfolgreich geführte Bank unter professioneller Aufsicht und einer soliden Eigenmittelausstattung braucht keine Staatsgarantie. Kommt hinzu, dass die Berner Kantonalbank zu einer Aktiengesellschaft geworden ist, die heute zu 48,5 Prozent privaten Aktionären gehört.

 

Rechtlich wird die Staatsgarantie abgeschafft, aber faktisch muss der Staat im Notfall trotzdem eine Bank retten, wie der Fall UBS zeigt. Bei der BEKB wäre dies der Kanton Bern, der die Aktienmehrheit besitzt.

Das kommt stark auf die Art der Notlage an, in der eine Bank steckt. Allgemeine Aussagen dazu lassen sich kaum machen. Es ist ein grosser Unterschied, ob ein Hauptaktionär eine Bank rettet oder ob ein Staat aufgrund der Grösse einer Bank keine andere Möglichkeit sieht, als diese zu retten. Die BEKB ist aber grundsolide. Unsere Ausleihungen sind zu über 100 Prozent mit Kundengeldern refinanziert. Die verschärften Anforderungen an die Eigenmittel übertreffen wir bereits heute deutlich.

 

Am konsequentesten wäre es, wenn der Kanton Bern seine Mehrheit verkaufen würde.

Die Tatsache, dass die BEKB mit dem Kanton Bern über einen stabilen Hauptaktionär verfügt, ist positiv zu werten. Die Mehrheit des Kantons Bern ist ein Garant dafür, dass es auch in Zukunft eine Bank mit dem Entscheidzentrum in Bern geben wird. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Entscheide plötzlich anderswo gefällt werden.

 

Erschienen in der BZ am 25. August 2012

Claude Chatelain