Vierte Säule: Ist der Bär gescheiter als der Bulle?

Bär gegen Bulle.
Bär gegen Bulle.

Bullen tippen auf höhere Aktienkurse und Bären auf tiefere. Das ist so weit bekannt. Woher das kommt, ist nicht ganz klar. 

 

Geläufig ist jenes Bild, wonach der Bulle seine Gegner von unten nach oben auf die Hörner nimmt und die Bären ihre Opfer mit der Tatze von oben nach unten drücken. 

Kürzlich unterschied die «Finanz und Wirtschaft» die zwei Börsentiere nicht nur anhand ihres Kampfverhaltens, sondern auch bezüglich ihrer Intelligenz. «Dem Bären wird nachgesagt, das klügere, listigere Tier zu sein, das als Einzelgänger geduldig auf seine Chance warten kann, um blitzartig zuzuschlagen.» Die Bullen hingegen seien nicht sonderlich intelligent. Als Herdentier bewegten sie sich in der Masse und fühlten sich dort wohl.

 

Die Finanzexperten der F + W suchen also in der Zoologie die Antwort auf die Frage, weshalb die Aktienkurse nach oben treiben, wenn doch so vieles für sinkende Kurse spricht. Sie stellen die rhetorische Frage, ob wohl die Bären «ein raffiniertes Spiel» trieben und die angeblich zu sorglosen Bullen in eine tödliche Falle lockten, indem sie clever die Aktienkurse noch für eine Weile steigen liessen, um umso kräftiger kassieren zu können. Manch einer könnte diesen Exkurs in die Zoologie zu wörtlich nehmen. Danach sind alle dumm wie ein Bulle, welche jetzt Aktien kaufen. Für diese Theorie spricht der Umstand, dass vor allem Professoren und andere kluge Köpfe vor fallenden Kursen warnen – eben die Klugen, Listigen und Raffinierten.

Die Kollegen von der «Finanz und Wirtschaft» verstehen sehr viel von Finanzen und Finanzmärkten. Verstehen sie auch viel von Zoologie? Der Bulle ist meines Wissens im Unterschied zum weiblichen Pendant, der Kuh, gar kein Herdentier. Somit sei die Theorie des sorglosen, dummen Bullen widerlegt. Und Sie müssen sich, liebe Haussiers, nicht als dumm vorkommen. Definitiv ein Herdentier ist hingegen der Anleger. Das lehrt uns die «Behavioral Finance», die Verhaltensökonomie. Das ist aber eine andere Geschichte. Mit Zoologie hat sie nichts zu tun. Sie gehört deshalb nicht hierher.
Erschienen in der BZ am 21. August 2012

 

Claude Chatelain