Vierte Säule: Die Amis halten nicht viel von Europa

Vor lauter Eurokrise und Frankenkrise und Schuldenkrise ist manchem gar nicht aufgefallen, dass amerikanische Aktien gar nicht mehr so weit von ihren Höchstkursen entfernt sind. 

Der Dow Jones Industrial Avarage notiert nur noch 7 Prozent unter seinem Rekordwert vom Herbst 2007. Der Swiss-Market-Index liegt um 32 und der Euro Stoxx 50 gar um 46 Prozent unter ihrem Höchstwert.

 

Das ist erklärungsbedürftig: Die USA sind gemessen am Bruttosozialprodukt immer noch höher verschuldet als die EU-Staaten. Sind Firmen der USA wirklich besser aufgestellt als die europäischen?  Ein Grund für die grosse Nachfrage nach US-Aktien liegt im Anlageverhalten von Uncle Sam. Die Amerikaner stellen die grösste Investorengemeinde. Wo sie investieren, steigen die Kurse. Und sie investieren lieber in amerikanische Firmen als in europäische. Das hängt auch mit der ungelösten Eurokrise zusammen. Aber nicht nur: Die Amerikaner halten generell nicht sehr viel von Europa.

 

Bezeichnend ist ein Erlebnis, welches ich Anfang der Neunzigerjahre in New York hatte. Bob Crandall, der legendäre Chef von American Airlines (AA), hielt einen Vortrag über die Airline-Industrie. Damals steckten die europäischen Fluggesellschaften in einer schweren Krise, unter anderem auch als Folge von «Desert Storm», der amerikanischen Invasion in Kuwait. Die darauf folgenden Terrordrohungen sorgten für leere Polstersesseln in Flugzeugen. Aviatikexperten prophezeiten das Ende einiger europäischen Fluggesellschaften.

Ich fragte Bob Crandall, wie er die Zukunft der europäischen Airlines sehe. Er sagte: «Es wird nichts passieren. Die Europäer wollen keinen Wettbewerb. Die Europäer wollen keine Leute entlassen.» Was der kantige AA-Manager vor über 20 Jahren über das europäische Unternehmertum sagte, ist in den USA immer noch eine weit verbreitete Meinung. Mehr noch: Heute ist die Skepsis gegenüber Europa noch grösser. Denn damals, vor über 20 Jahren, gab es noch keinen Euro.

 

Erschienen in der BZ am 14. August 2012

Claude Chatelain