Wer in Osteuropa investiert, setzt auf russische Energie

Der russische Energiegigant Gazprom hat in fast allen Osteuropa-Fonds einen hohen Anteil. Bild: Reuters
Der russische Energiegigant Gazprom hat in fast allen Osteuropa-Fonds einen hohen Anteil. Bild: Reuters

Osteuropa ist vor allem Russland. Und Russland ist vor allem ein Energielieferant. Das muss man wissen, wenn man Anteile eines osteuropäischen Aktienfonds kauft.

Die osteuropäischen EU-Länder, so hört man etwa, hätten ein grosses Aufholpotenzial. Wer ein breit diversifiziertes Wertschriftenportefeuille will, müsse auch in Ländern wie Polen, Tschechien oder Ungarn investiert haben. Was tun? Ganz einfach: einen osteuropäischen Anlagefonds kaufen – und schon hat man den falschen gekauft.

 

Verkappte Russland-Fonds

 

Osteuropäische Aktienfonds sind häufig verkappte Russland-Fonds. Konkretes Beispiel: Der DWS Osteuropa enthält zu 70 Prozent russische und zu 9,3 Prozent türkische Aktien. Die polnischen Unternehmen kommen auf einen Anteil von gerade mal 9,1 Prozent; die tschechischen auf vernachlässigbare 1,3 Prozent. Bei anderen Osteuropa-Fonds ist der Anteil von russischen Aktiengesellschaften nicht ganz so ausgeprägt wie bei der Fondsgesellschaft der Deutschen Bank. Aber auch bei den Osteuropa-Fonds von Pictet, Templeton oder Schroder beträgt der Anteil russischer Aktien um die 60 Prozent.

 

Das ist an sich kein Problem, sofern man sich dessen bewusst ist. Denn die osteuropäischen Schwellenländer und der russische Energiegigant haben ganz unterschiedliche Wachstumsfantasien. Wer Aktien von polnischen, ungarischen oder tschechischen Unternehmen kauft, investiert in die Wachstumsfantasie der EU-Zone. Wer indessen russische Aktien kauft, investiert in den Energiesektor, namentlich in Gas und Öl.

 

Vereinfacht gesagt: Beim Kauf von Anteilen eines Osteuropa-Fonds spielt man die Karte Energie. Wohl gehören in ein diversifiziertes Portefeuille auch Energieaktien. Nur kauft man sich dazu vorzugsweise einen der zahlreichen Energiefonds. Das Übergewicht an russischen Aktien begründet Rolf Maurer mit der noch kleinen und wenig liquiden Märkte der osteuropäischen EU-Länder. Maurer ist Partner der auf Fondsanalyse spezialisierten Bevag in Zürich.

 

Transparente UBS

 

Vorbildlich in Sachen Transparenz ist hier die UBS. Sie führt für Osteuropa zwei unterschiedliche Aktienfonds im Sortiment: den «Eastern Europe» und den «Central Europe». Somit geht bereits aus dem Namen hervor, dass im «Eastern» schwergewichtig russische und im «Central» hauptsächlich Aktien der östlichen EU-Länder vorhanden sind. Im «Central Europe» beträgt der Anteil polnischer, tschechischer und ungarischer Aktien 94 Prozent.

 

Leider darf man nicht erwarten, dass alle Fonds mit der Bezeichnung «Central Europe» auf die aufstrebenden Länder im Euroraum fokussieren. Der «Central Europe Stock Fund» von Julius Bär enthält 60 Prozent russische Aktien. Womit sich die These bestätigt, dass die Fondsindustrie punkto Transparenz noch immer nicht vorbildlich agiert.

 

Factsheet studieren

 

Auf den Faktenblättern von Anlagefonds steht mehr oder weniger übersichtlich, in welche Firmen und Branchen das Fondsvermögen investiert ist. Bei Osteuropa-Fonds lohnt es sich besonders, die Faktenblätter zu studieren und in Erfahrung zu bringen, ob man mit dem Kauf von Fondsanteilen vorab in russisches Öl oder in die Wachstumsfantasie osteuropäischer EU-Länder investiert.

 

Einen Trost gibt es dennoch zu spenden: Wer vor drei Jahren auf die osteuropäischen EU-Länder setzte und stattdessen einen verkappten Russland-Fonds kaufte, dürfte mit einer höheren Rendite entschädigt worden sein. Die russischen Aktien liefen in den letzten Jahren tendenziell besser als die polnischen, tschechischen und ungarischen Dividendenpapiere. 

 

Claude Chatelain