Nur ein Ausbrechen aus dem Hamsterrad bremst die Zuwanderung

Wie viele Menschen haben Platz in der Schweiz? Übers Wochenende haben etliche Politiker ihre diesbezüglichen Vorstellungen via Sonntagspresse kundgetan.

SP-Nationalrätin Jacqueline Badran (ZH) findet, mehr als die heutigen acht Millionen Menschen seien nicht wünschbar. Sie erhält Unterstützung von der anderen politischen Ecke, von SVP-Präsident Toni Brunner (SG). Der Grünliberale Martin Bäumle (ZH) sieht die Grenze bei zehn Millionen. CVP-Präsident Christophe Darbellay (VS) findet sogar zwölf Millionen Einwohner vertretbar.

 

Alle sind sich einig, dass es so nicht weitergehen kann. Unterschiedlich sind jedoch ihre Rezepte: Toni Brunner fordert einen Stopp der Personenfreizügigkeit mit der EU. Jacqueline Badran will «unsere ruinöse, auf Steuerdumping ausgerichtete Standortpolitik reformieren». Der freisinnige Parteipräsident Philippe Müller (AG) will das Wirtschaftsmodell ändern, das auf kurzfristiges Wachstum statt nachhaltige Entwicklung setze und viel zu viele nicht erneuerbare Ressourcen verschlinge. Martin Bäumle möchte vermehrt in die Höhe statt in die Breite bauen, und der Grüne Bastian Girod (ZH) macht sich für ein «selektives Wirtschaftswachstum» stark, was immer das heissen mag.

 

Vorher müsste aber noch die Frage beantwortet werden, weshalb die Zuwanderung in der Schweiz überdurchschnittlich hoch ist. Die Antwort ist banal: Weil die Schweizer Wirtschaft ausländische Arbeitskräfte benötigt – und zwar auf allen Ebenen. Will man ernsthaft die Zuwanderung beschränken, muss in unserem Bewusstsein ein Umdenken stattfinden. Dann muss sich in den Köpfen einprägen, dass das Wirtschaftswachstum nicht das Alleinseligmachende ist. Dann darf das Land nicht in eine kollektive Depression verfallen, wenn das Bruttosozialprodukt stagniert oder leicht abnimmt.

 

Wirtschaftswachstum heisst nichts anderes, als dass mehr Güter produziert und mehr Dienstleistungen verkauft werden. Will also die Schweiz immer mehr produzieren, muss sie entweder die Produktivität erhöhen oder neue Arbeitskräfte rekrutieren. Die Produktivität kann aber nicht endlos erhöht werden, insbesondere nicht im Dienstleistungssektor. Etwa im Beherbergungsgewerbe zeigt sich, wie der Wachstumsfetischismus seltsame Blüten treibt. Bleiben die Betten leer, schreien die Interessenvertreter nach staatlicher Unterstützung. Doch kein Mensch wagt die Frage zu stellen, ob wir nicht zu viele Hotelbetten haben, obschon sie nur dank einem Ausländeranteil von über fünfzig Prozent bewirtschaftet werden können. Solche Gedanken werden verdrängt. Sie sind nicht kompatibel mit einem wachsenden Bruttosozialprodukt. «Die Zunahme des Bruttosozialprodukts ist Inbegriff des von uns selbst gebauten Hamsterrads: Immer mehr, mehr, mehr – und immer mehr vom selben, nur ja kein Ausbrechen aus dem Rennen», sagt David Bosshart, Geschäftsführer des Gottlieb-Duttweiler-Instituts in Rüschlikon.

 

Soll die Zuwanderung beschränkt werden, so muss die Bevölkerung bereit sein, aus dem Hamsterrad auszubrechen. Anzeichen dazu sind derzeit kaum sichtbar.

 

Erschienen in der BZ am 6. August 2012

Claude Chatelain