Vierte Säule: Frauenrentenalter 65 wäre kein Sozialabbau

Christine Egerszegi, Nationalratspräsidentin im Jahr 2007, ist für Frauenrentenalter 65.
Christine Egerszegi, Nationalratspräsidentin im Jahr 2007, ist für Frauenrentenalter 65.

Vor 15 Jahren, 1997, hat das Schweizer Volk die 10. AHV-Revision angenommen. Seither werkelt die Politik an der 11. Revision. Eigentlich hatte man erwartet, FDP-Bundesrat Didier Burkhalter werde vorwärts machen und die Anpassung des Frauenrentenalters vorantreiben.  Nach nur zwei Jahren wechselte der Romand ins Aussendepartement. 

Mit Alain Berset soll nun ausgerechnet ein Linker die Erhöhung des Frauenrentenalters von 64 auf 65 Jahre und damit die Gleichberechtigung herbeiführen. Doch seine Parteigenossen wollen die Erhöhung des Frauenrentenalters nicht gratis hergeben. Sie wollen nicht 900 Millionen einsparen. Das wäre ein Sozialabbau. Und einem Sozialabbau einzuwilligen, können sich die Linken nicht leisten. Das würde ihre Daseinsberechtigung in Frage stellen. 

 

Ist die Erhöhung des Frauenrentenalters von 64 auf 65 Jahren wirklich ein Sozialabbau? Nein, ist es nicht: 1990 hatte eine 64-jährige Frau eine Lebenserwartung von 20,3 Jahren. Heute, 20 Jahre später, ist die Lebenserwartung bereits deutlich höher: Laut Bundesamt für Statistik kann eine 65-Jährige mit einer Lebenserwartung von 22,2 Jahren rechnen. Auch wenn die Frauen ein Jahr später in Pension gehen, können sie also davon ausgehen, dass sie im Durchschnitt zwei Jahre länger Rente beziehen werden als noch 1990.

 
Würde also das Rentenalter der Frau um ein Jahr erhöht, wäre das kein Sozialabbau, sondern eine Kompensation der längeren Lebensdauer. Dank der von Jahr zu Jahr höheren Lebenserwartung haben wir nämlich einen schleichenden Ausbau der Sozialleistungen.

 

Nun kann frau einwenden, bei Männern sei der schleichende Ausbau noch ausgeprägter. Stimmt: 65-jährige Männer hatten 1990 eine Lebenserwartung von 15,3 Jahren; 2010 eine solche von 18,9 Jahren. Bloss: Diese 18,9 Jahre sind immer noch deutlich weniger als die 22,2 Jahre der Frauen – was genau genommen auf eine Benachteiligung der Männer herausläuft. 

 

Erschienen in der BZ am 6. August 2012

 

Claude Chatelain