Vierte Säule: Immer mehr Rentner lassen sich scheiden

Immer mehr Rentnerinnen und Rentner gehen zum Scheidungsrichter. Darüber hat diese Zeitung in der Ausgabe vom letzten Freitag berichtet.

41 Paare hatten sich 1970 nach 30 Ehejahren scheiden lassen. 2010 waren es bereits 225 Paare. Und wenn wir schon bei der Statistik sind: Den bisherigen Schweizer Rekord hat ein Ehepaar im Jahr 2003 aufgestellt: Es liess sich nach 66 Ehejahren scheiden. Man muss sich das mal vorstellen: mit 18 heiraten und sich dann mit 84 scheiden? Eine der Ursachen für die steigende Scheidungsrate ist die wachsende finanzielle Unabhängigkeit von Frauen, welche erwerbstätig waren und eine Rente von der Pensionskasse erhalten. Dies sagt die an der Uni Bern lehrende Psychologieprofessorin Pasqualina Perrig-Chiello.

 

Für mich gäbe es noch einen anderen plausiblen Grund. Erstaunlicherweise führt dieser nach heutigem Kenntnisstand nur selten zu einer Scheidung: die Plafonierung der Altersrenten. Ein Ehepaar erhält derzeit von der AHV maximal 3480 Franken pro Monat, denn die Summe beider Einzelrenten darf nicht grösser sein als 150 Prozent der Maximalrente von 2320 Franken. Nach der Scheidung würden die Renten deplafoniert. Beide zusammen würden 4640 Franken erhalten – gleich viel wie Konkubinatspaare. Man rechne: Monat für Monat 1160 Franken mehr auf dem Konto. Wer kann dem widerstehen?  Der Grund, weshalb sich nicht mehr Paare wegen der Deplafonierung der Altersrente scheiden lassen, könnte im Erbrecht liegen. Der geschiedene Partner ist nicht erbberechtigt und müsste unter Umständen tüchtig Erbschaftssteuern zahlen. Und doch soll es laut Pasqualina Perrig Rentner geben, die sich wegen des Geldes scheiden lassen: nicht wegen der Rente, sondern wegen des Vermögens. Sie wollen dieses retten, wenn sich bei einem Partner eine kostspielige Pflegebedürftigkeit abzeichnet. Es wäre doch gelacht, wenn Eidgenossen, die keine Sprache so gut kennen wie die des Geldes, dem Mammon entsagen würden.

 

Erschienen in der BZ am 31. Juli 2012

Claude Chatelain