Immer mehr Rentner lassen sich scheiden

Die Scheidungsrate steigt auch bei den Alten
Die Scheidungsrate steigt auch bei den Alten

Was sich im persönlichen Umfeld beobachten lässt, bestätigt auch die offizielle Statistik: Die Zahl der Scheidungen im Alter nimmt zu. 1970 erfolgten 3 Prozent aller Scheidungen nach über 30 Ehejahren. 2010 lag dieser Anteil bereits bei 7,8 Prozent. Was sind die Gründe?

 

Genau das möchte Pasqualina Perrig-Chiello auch genauer wissen. Die Psychologieprofessorin an der Universität Bern leitet das Forschungsprojekt «Partnerschaft in der zweiten Lebenshälfte – Herausforderungen, Verluste und Gewinne». Man weiss derzeit noch recht wenig darüber, weshalb gewisse Partnerschaften lange halten und andere nicht. «Nicht zuletzt aufgrund der stark steigenden Zahl von Scheidungen nach langjährigen Ehen ist diese Thematik von hoher gesellschaftlicher Relevanz», erklärt Pasqualina Perrig.

Frauen sind mehr dem Mann ausgeliefert

 

Obschon die Forschungsarbeiten noch nicht abgeschlossen sind, kann die Projektleiterin schon einiges über die Gründe der wachsenden Scheidungsrate älterer Leute sagen. Erstens stelle der demografische Wandel die Paare vor eine neue Situation: Die Leute werden immer älter, und damit verlängert sich auch die potenzielle Ehedauer. Dies ist eine historisch noch nie da gewesene Herausforderung, was den einen oder anderen Partner dazu veranlassen könnte, vorzeitig die Weichen neu zu stellen. Zweitens fallen objektive und subjektive Scheidungsbarrieren zunehmend weg. Eine objektive Barriere ist etwa die finanzielle Abhängigkeit. «Früher waren Frauen auf Gedeih und Verderb dem Mann ausgeliefert. Das ist heute immer weniger der Fall», erklärt Perrig. Sie denkt vorab an die Frauen der Generation der «jungen Alten», also der Altersjahre 60 bis 75. Viele dieser Frauen waren lange Jahre erwerbstätig, sind selbstbestimmter und sind dank der eigenen Pensionskasse finanziell unabhängiger.

 

Perrig: «Scheidungen sind heute kein Stigma mehr»

 

Subjektive Scheidungsbarrieren sind etwa der gesellschaftliche Wertewandel. «Scheidungen sind heute kein Stigma mehr.» Gleichzeitig stiegen auch die Erwartungen an die Ehe. Das heisst die Liebe als primärer Grund und weniger die Notwendigkeit oder Verpflichtung.

Über die Gründe und Auslöser der Scheidung nach langjähriger Ehe weiss man gemäss Perrig noch recht wenig. Sicher ist jedoch, dass Frauen die Scheidung bedeutsam häufiger einreichen als früher. Ein Hauptgrund bei Frauen ist wohl, dass sie – nicht zuletzt aufgrund ihrer finanziellen Unabhängigkeit – nicht mehr in unbefriedigenden Ehen ausharren. So scheinen etwa immer weniger Frauen bereit zu sein, nach einer unbefriedigenden Ehe ihren Mann jahrelang zu pflegen. Daneben scheint es nicht selten partikuläre Gründe zu geben, wie etwa die Absicherung des Vermögens. Zeichnet sich beim Mann eine langjährige Pflegebedürftigkeit ab, so wird die Scheidung zumindest einen Teil des Vermögens «retten». Denn Ex-Frauen können nicht für die Verwandtenunterstützung belangt werden. Die genauen Gründe und Hintergründe soll allerdings die genannte Studie beantworten.

 

Wenn der Rentner plötzlich im Haushalt dreinredet

 

Ist es nicht so, dass pensionierte Männer den Ehefrauen häufig auf den Geist gehen, wenn sie nach einem intensiven Berufsleben plötzlich dauernd zu Hause herumsitzen und womöglich herumnörgeln? «Es ist schon so, dass die Pensionierung bei beiden Partnern eine neue Definition der Rollen verlangt, was einen gewissen Stress verursachen kann», erklärt Pasqualina Perrig. Es lohne sich aber gerade in dieser Phase, viel miteinander zu reden, die Aufgaben neu aufzuteilen und vor allem die eigenen Freiräume sowie die gemeinsamen Ziele und Zeiten zu definieren.

 

Männer leiden stärker an sozialer Einsamkeit

 

Bei Männern ist der Scheidungsgrund oft eine neue Beziehung, häufig eine jüngere Frau. Bemerkenswert ist auch die Feststellung von Pasqualina Perrig, dass die Männer viel stärker «partnerbezogen» seien als Frauen. Der Verlust der Partnerin – ob durch Tod oder Scheidung – könnten sie häufig schlechter verarbeiten als Frauen. Dies nicht etwa, weil Männer im Haushalt nicht zurechtkämen, sondern vorab aus emotionalen Gründen. Sie leiden stärker an sozialer Einsamkeit.

 

Warum warten die Eheleute so lange mit der Scheidung? Meistens merken Mann und Frau ja schon früher, dass sie nicht zusammenpassen. Die Psychologin Perrig nennt spontan zwei Gründe: Während des Berufsleben seien Eheleute beruflich und gesellschaftlich eingespannt und hätten viele Projekte am Laufen. Nach der Pensionierung seien sie plötzlich mit sich selber konfrontiert. Und in gewissen Fällen werde die Scheidung hinausgezögert, weil man Eltern und Kinder nicht enttäuschen will.

 

Das erinnert an folgenden Witz: Ein 90 Jahre altes Paar will sich scheiden lassen. Fragt der Scheidungsrichter: Wieso wollen Sie sich nach all den vielen Jahren jetzt noch scheiden lassen? «Wir wollten warten, bis die Kinder gestorben sind.»

 

Erschienen in der BZ am 27. Juli 2012

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Claude Chatelain