Ratingagenturen sind der Sack - nicht der Esel

Wieder sind die Ratingagenturen in die Kritik geraten. Sie haben sich erfrecht, die Kreditwürdigkeit Deutschlands infrage zu stellen. Schon nach der Finanzmarktkrise von 2008 sind Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch massiv kritisiert worden. Damals freilich aus einem anderen Grund: Man hatte den Agenturen zu Recht vorgeworfen, die Finanzinstitute zu wohlwollend eingestuft beziehungsweise die horrenden Risiken falsch eingeschätzt zu haben.

 

Der heutige Hauptvorwurf lautet: Die Ratingagenturen hätten zu viel Macht. Dieser Befund ist richtig. Wenn Moody’s und Co. die Kreditwürdigkeit eines Landes herabstufen, ist Feuer im Dach. Dann müssen die betreffenden Länder für die Kapitalbeschaffung am Markt höhere Zinsen zahlen. Doch die Ratingagenturen haben sich diese Rolle nicht selber gegeben. Sie sind nicht schuld an ihrer Machtfülle. Schuld sind all jene, die ihnen diese Macht zuschanzen, namentlich die Banken wie auch die Staaten. Zu gerne verstecken sie sich hinter den Ratings der Agenturen.

 

Nach Auffassung des Berner Ökonomen Thomas Straubhaar sollte man den Mut haben, «die Urteile der Götter in Nadelstreifen nicht ernst zu nehmen». Sie hätten sich in den letzten Jahren bis auf die Knochen blamiert, sagte er vergangenen Herbst in einem Streitgespräch am Radio. Unterstützung bekommt der Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Hamburg nun von der Universität St. Gallen. Sie kommt in einer Studie zum Schluss, dass nicht alle Länder von den Agenturen nach gleichen Kriterien bewertet würden. Das führt zu Verschwörungstheorien, wonach die in den USA beheimateten Agenturen gezielt die europäischen Länder schlechtmachten und das Heimatland verschonen würden.

 

Das Rating von Moody’s und Co. ist eine Einschätzung – eine Einschätzung unter vielen. Das entbindet Banken und Staaten nicht von ihrer Verantwortung, eine eigene Beurteilung vorzunehmen. Die südlichen Länder Europas hätten sich nie so stark verschulden können, wenn sie von Anfang an die Zinsen hätten zahlen müssen, die ihrer Kreditwürdigkeit entsprachen. Die Banken machen es sich zu einfach, mit Verweis auf eine hohe Bonitätsnote Staatspapiere zu sehr günstigen Konditionen aufzukaufen und – wenn es schief geht – den Schwarzen Peter den Ratingagenturen zuzuschieben. Sie schlagen den Sack, statt den Esel. Der Esel sind sie selbst.

 

Erschienen in der BZ am 28. Juli 2012

Claude Chatelain