Vierte Säule: Wenn das Gebäude unter Wasser steht

Hochwasser - wer bezahlt?
Hochwasser - wer bezahlt?

Könnten Hauseigentümer frei entscheiden, wie sie Unwetterschäden am Haus versichern möchten, so kämen zwei Varianten infrage: Die einen hätten am liebsten einen freien Markt. So könnten sie zwischen der Mobiliar, der Emmental-Versicherung, der Basler, der Vaudoise oder wem auch immer entscheiden, wer das Haus versichern soll.

Die anderen hätten lieber ein staatliches Monopol. In diesem Fall würde die Gebäudeversicherung des Kantons Bern (GVB) sämtliche Wasser- und auch andere Schäden versichern, die am Gebäude durch ein Unwetter entstanden sind.

 

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es noch eine dritte Kategorie Menschen gibt. Dies wären dann Leute, die sich das heutige System wünschten. Also ein absurdes System, bei welchem sich ein Monopolversicherer und diverse private Versicherer darüber streiten, wer den Wasserschaden zu decken hat. Ein Wasserschaden wohlverstanden, der auf ein und dieselbe Ursache zurückzuführen ist: auf ein Unwetter. Vereinfacht gesagt: Dringt das Wasser vom Garten ins Innere, zahlt der Monopolist. Dringt das Wasser durch die Kanalisation ins Innere, zahlt der Privatversicherer.

 

Alles wäre für Hausbesitzer viel einfacher und vor allem konsumentenfreundlicher, wenn die GVB auch Schäden infolge eines Rückstaus in der Kanalisation decken würde. Das wird sie bald tun. Der Grosse Rat hat die entsprechende Gesetzesrevision vor zwei Jahren verabschiedet. Wettbewerbsbehörde, Finanzmarktaufsicht und jetzt auch das Bundesgericht haben trotz Opposition der Privatversicherer ihren Segen erteilt.

 

Allerdings darf die GVB all die Schäden, die bisher von den Privaten gedeckt wurden, nur über die selbstständige Tochtergesellschaft GVB Privatversicherungen AG versichern. Zudem darf laut Wettbewerbsbehörde keine Quersubventionierung von Mutter zu Tochter erfolgen. Deshalb verlangen die Privatversicherer, dass es Hauseigentümer nach einem Unwetter trotzdem mit zwei Schadenexperten zu tun haben: einem von der GVB, einem von der GVB Privatversicherungen. Juristisch und politisch korrekt – trotzdem (oder gerade deshalb) ein absoluter Schwachsinn.

 

Erschienen in der BZ am 24. Juli 2012

Claude Chatelain