Vierte Säule: Manchmal wünschte ich mir einen Diktator

Habib Bourguiba
Habib Bourguiba

Manchmal wünsche ich mir für die Schweiz einen Diktator. Es gab auch schon gute Diktatoren. Habib Bourguiba war einer. Er führte Tunesien 1958 in die Unabhängigkeit und regierte das Land bis 1987. Erst mit vorgerücktem Alter missbrauchte er seine Macht, wenn auch deutlich weniger krass als sein Nachfolger Ben Ali, der im arabischen Frühling aus dem Amt gejagt wurde.

 

Ich wünschte mir, der Diktator würde das soziale Netz zerschlagen und ein neues knüpfen. Eines auf drei Säulen, wie wir es heute haben. Aber eines ohne x Ausnahmen, ohne x Wahlmöglichkeiten. Kurz: ein soziales System, das man versteht. 

Hat der Diktator das Netz geknüpft, soll er abdanken und das Land wieder dem Volk übergeben. Dann hätten wir nicht mehr solche Absurditäten, dass Kantone Spitäler besitzen, diese zum Teil selber betreiben und gleich noch beaufsichtigen. Wir hätten dann eine verständliche 2. Säule und müssten uns nicht mit Beitrags-, Leistungs-, Duo- und anderen Primaten herumschlagen. Wir hätten eine Unfall- und Krankenversicherung, die nicht durch grobe Leistungsunterschiede gekennzeichnet sind. Wer will, könnte bei einer anderen Gesellschaft immer noch Zusatzdeckungen versichern. Hausbesitzer müssten dann nicht mehr zwei Gebäudeversicherungen abschliessen: eine für den Fall, dass das Wasser nach einem Unwetter von oben kommt, eine andere, falls es von unten in das Haus drückt.

 

Dann soll der Diktator, wenn er schon da ist, gleich auch das Steuersystem revolutionieren. Ein System, welches erlaubt, die Steuererklärung zwar nicht auf einem Bierdeckel, aber auf einem A4-Blatt auszufüllen. Immerhin einen Trost liefert mir das heutige System: Das Volk lehnt Neuerungen bei den Sozialversicherungen ab, weil jede Neuerung auch eine Verkomplizierung darstellt. Der Gesundheitsartikel am 1. Juni 2008, die Senkung des Umwandlungssatzes am 7. März 2010 und die Managed-Care-Vorlage am 17. Juni 2012 wurden alle verworfen, weil das Schweizervolk die Veränderungen, über die es abstimmen darf, auch verstehen möchte. Doch das Volk kann nicht alles, was ein Diktator könnte.

 

Erschienen in der BZ am 26. Juni 2012

Claude Chatelain