6 Experten zur Lage auf den Finanzmärkten

Wie sehen Experten vom Bankenplatz Bern die Zukunft?

Jürg Legler, Banque Bonhôte, Direktor der Niederlassung Bern



 

«Der Contrarian macht immer das Gegenteil von allen anderen. Er investiert nach dem Grundsatz, dann zu kaufen, wenn extremer Pessimismus herrscht. Mit dieser Strategie und etwas Glück macht er damit den grössten Gewinn. So einfach und einleuchtend das Prinzip des antizyklischen Investierens auch klingen mag, in der Praxis ist es schwierig, dieses erfolgreich umzusetzen. Denn an den Finanzmärkten gilt der Leitspruch: «Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.» Im derzeitigen Marktumfeld herrscht zwar viel Unsicherheit und Pessimismus, aber keine Panik. Demzufolge ist es noch zu früh, um gegebenenfalls konträre Positionen aufzubauen.


Der langfristig orientierte Anleger sollte im Rahmen seiner Anlagestrategie gegenwärtig auf Aktien von Unternehmen mit solider Bilanz und intakten Gewinnperspektiven vor allem aus dem defensiven Sektor setzen. In erster Linie sind dies Aktien wie Roche, Novartis und Nestlé. Sie alle weisen eine attraktive Dividendenrendite auf. Die Pharmaaktien und der gesamte Sektor sind aufgrund der verhaltenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen derzeit sehr attraktiv. Für Nestlé spricht ausserdem das anhaltend hohe Wachstum in den Schwellenländern.»

 

 

Giuseppe Pascali, Bank Julius Bär, Managing Director Private Banking



 

«Die Anleger mussten sich in den letzten Jahren an immer extremere Szenarien für ihre Markteinschätzungen gewöhnen. Gerade die vergangenen Monate haben gelehrt, dass sich wirtschaftspolitische Entscheide schnell auf die Finanzmarktentwicklung auswirken. Anstatt nur Notmassnahmen zu ergreifen, müssen die Probleme in der Eurozone entschieden angegangen werden. Geduld, welche für die Klärung der aktuellen politisch induzierten Risikosituation nötig ist, dürfte sich in den kommenden Wochen auszahlen. Wir erachten es daher als angebracht, in unserer Anlagestrategie die defensive Ausrichtung mit einer Untergewichtung der Aktienquote beizubehalten. Wir sind aber bereit, schnell zu handeln, sollte sich eine deutliche Verbesserung des Marktumfelds abzeichnen. An unserer Prognose auf einen starken Schweizer Franken und tiefe Zinsen halten wir fest.»



 

Heinz Zürcher, LGT Bank Bern, Vizedirektor




 

«Die Kursgewinne von Anfang Jahr sind nach dem jüngsten Kursrückgang bereits wieder aufgebraucht. So zeigt sich der Swiss Market Index (SMI) im bisherigen Jahresverlauf lediglich unverändert. Denn: Der zyklische Ausblick für die Weltwirtschaft ist kritisch zu beurteilen, und das Umfeld an den Finanzmärkten bleibt herausfordernd. Noch immer ist bei den strukturellen Rahmenbedingungen keine Besserung zu beobachten, und die Schuldenkrise brodelt weiter. Im Notfall stehen allerdings die Notenbanken zum Eingriff bereit und pumpen bei Bedarf Liquidität ins Finanzsystem. Zudem wirkt die Bewertung weiter als Stütze für die Aktienmärkte. Als Folge ist im zweiten Halbjahr weiter mit heftigen Kursausschlägen in beide Richtungen zu rechnen. Daher empfiehlt es sich, weiter antizyklisch an den Aktienmärkten zu investieren und bei der Vermögensaufteilung auf eine gute Diversifikation zu achten.

 

 

Piero Huwyler, Bank Sarasin, Standortleiter Bern



 

«Die Schuldenkrise und eine Abkühlung der Konjunktur haben Schweizer Zinsen auf ein rekordtiefes Niveau fallen lassen. Das freut den Hypothekarschuldner, wird dem Anleger in den nächsten Monaten aber Kopfschmerzen bereiten. Sichere Anleihen werfen kaum mehr Ertrag ab.
Anleihen peripherer Länder rentieren mit über 6 Prozent, aber die damit verbundenen Risiken sind im Moment unkalkulierbar. Schwellenländeranleihen bieten eine attraktive Rendite und gute Fundamentaldaten. Aber auch hier gilt es zu bedenken, dass Schwellenländerwährungen im Zuge der Schuldenkrise unter Druck geraten sind.


Bleiben Unternehmensanleihen: Obligationen aus den defensiven Branchen Nahrungsmittel und Pharma bieten eine höhere Rendite als Staatsanleihen, und die zusätzlichen Risiken sind überblickbar. Im Gegensatz zur Finanz- und Maschinenindustrie dürften diese Branchen auch eine weitere Eskalation der Schuldenkrise schadlos überstehen.»



 

Peter Kyburz, Bank BPS, Leiter Geschäftsstelle Bern



 

“Die Inflation und die Inflationserwartungen sind weltweit vergleichsweise tief. Praktisch alle wichtigen Zentralbanken haben auf die anhaltende Krise mit einer massiven Ausweitung der Geldmenge reagiert. Bedeutet das, dass mittelfristig das Inflationsrisiko steigt? Sicher ist: Die Staatsschulden sind in den vergangenen Jahren vorab in den USA und in Europa gewaltig gestiegen. Damit ist die Versuchung, nach der Überwindung der Krise die realen Staatsschulden durch Inflation abzubauen, gerade in Europa wohl ein mögliches Szenario. Wobei zu erwähnen bleibt, dass in der Schweiz, mit ihrer im Vergleich geringen Staatsverschuldung, auch bis auf weiteres die Inflationserwartung tief bleiben wird. Inflation in den Euroländern würde aber steigende Realzinsen und in der Folge sinkende Kurse von traditionellen Anlagen in Obligationen nach sich ziehen. Inflationsgesicherter Obligationen (‹Inflation Linked Bonds›) bieten gegenüber dem Inflationsrisiko einen gewissen Schutz – passen sich doch der Nominalwert und/oder der Coupon an die jeweilige Entwicklung eines Inflationsindex an. Inflation Linked Bonds stellen deshalb aus unserer Sicht eine sinnvolle Diversifikation für ein festverzinsliches Anlagedepot dar.»



 

Christoph Rupp, Coutts & Co., Direktor der Niederlassung Bern



 

«Staatsanleihen von Schwellenländern weisen noch immer attraktive Bewertungen auf. Sie offerieren höhere Renditen, und die wirtschaftlichen Fundamentaldaten dieser Länder gegenüber den entwickelten Staaten sind ebenso ein positiver Faktor. Im Weiteren könnten die Währungen in diesen Regionen langfristig stärker werden, auch wenn sie in letzter Zeit unter Druck geraten sind. Grund dafür ist, dass Investoren, welche durch die Schuldenkrise in Europa verunsichert wurden, in den ihnen momentan sicherer scheinenden US-Dollar wechselten.

 

Obwohl unsere fundamentale Einschätzung für die Schwellenländer positiv bleibt, sind wir mit unseren kurzfristigen Aussichten zurückhaltend. Wir sehen weiterhin hohe politische Unstabilität in Europa. Im Weiteren geben schwächere Wachstumszahlen aus China Anlass zur Sorge. Trotzdem könnten positive Ergebnisse des EU-Gipfels in einer Woche zu einer Unterstützung der Aktienmärkte führen. Trotz der genannten Risiken glauben wir, dass Marktkorrekturen aufgrund von wichtigen Ereignissen, wie der EU-Gipfel sowie die bevorstehende Berichtsperiode der Unternehmungen für das 2. Quartal 2012, zu Kaufgelegenheiten genutzt werden könnten.»

 

Erschienen in der BZ am 25. Juni 2012

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Claude Chatelain