Vierte Säule: Thomas Jordan ist nicht Alt-Bundesrat Merz

Thomas Jordan
Thomas Jordan

Nationalbankpräsident Thomas Jordan sagte vergangene Woche an der Medienkonferenz im Berner Bellevue: «Die Schweizerische Nationalbank hält am Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro unverändert fest und wird ihn mit aller Konsequenz durchsetzen.» Er sagte diesen Satz, sooft ihn die Journalisten hören wollten. Insbesondere die Medienleute vom grossen Kanton wollten das wiederholt hören. Immer wieder stellten sie entsprechende Fragen, die unweigerlich zu dieser Antwort führen mussten. 

Bei Medienkonferenzen ist die Fragerunde normalerweise am interessantesten. Bei der Nationalbank verhält es sich gerade umgekehrt: Der Präsident und der Vizepräsident lesen ihre Vorträge ab, der eine auf Deutsch, der andere auf Französisch. In diesen Vorträgen sagen sie alles, was es zu sagen gibt. In der Fragerunde sagen die Nationalbankdirektoren nichts, was sie nicht schon im Vortrag gesagt haben. Irgendein Satz im Vortrag passt schon irgendwie zu der gestellten Frage. Das nächste Mal suche ich nach den Vorträgen das Weite.

 

Wenn ein Nationalbankpräsident einen Satz derart penetrant wiederholt, wie das Thomas Jordan im Bellevue-Palace gemacht hat, dann muss man es ihm glauben. Dann kann die Nationalbank nicht anders, als Wort zu halten. Sie werden einwenden, auch Alt-Bundesrat Hans-Rudolf Merz habe wiederholt beteuert, über das schweizerische Bankgeheimnis lasse sich nicht verhandeln. In der Tat wurde darüber auch nicht gross verhandelt. Die USA schafften es von sich aus ab. Zudem haben Worte eines Notenbankpräsidenten und eines Bundespräsidenten nicht das gleiche Gewicht. Schon Konrad Adenauer sagte, das Geschwätz von gestern interessiere ihn nicht. Und besagter Bundespräsident meinte nach der missglückten Libyen-Mission: «Werde ich scheitern, werde ich mein Gesicht verlieren.» Er sagte es, scheiterte, verlor das Gesicht und trat trotzdem nicht zurück. Bei Notenbankern stellt man höhere Ansprüche an ihre Glaubwürdigkeit. Deshalb muss Thomas Jordan am Mindestkurs festhalten. Komme, was wolle.

 

 

Erschienen in der BZ am 19. Juni 2012

Claude Chatelain