Wasserversicherung: Konkurrenz sorgt für tiefere Prämien

Gemäss Gesetz sollte auch die Gebäudeversicherung Wasserversicherungen verkaufen dürfen. Doch die Privatversicherer verzögern mit juristischen Mitteln dieses Ansinnen, um sich vorher in Position zu bringen und die Prämien zu senken. 

Der Bernische Grosse Rat gibt der GVB mehr Befugnisse.
Der Bernische Grosse Rat gibt der GVB mehr Befugnisse.

Aldi brauchte nur anzukünden, in den Schweizer Markt einzudringen – und schon purzelten bei Migros und Coop die Preise. Das gleiche Phänomen ist derzeit bei den Gebäudewasserversicherungen zu beobachten. Vor genau zwei Jahren hatte der Grosse Rat entschieden, dass auch die Gebäudeversicherung des Kantons Bern (GVB) über eine Tochtergesellschaft solche Wasserversicherungen verkaufen darf – und auch hier purzeln seither die Prämien. 

 

Prämiensturz um 46 Prozent

 

Im Oktober 2010 verlangte die Mobiliar für eine Immobilie mit einem Versicherungswert von 700 000 Franken eine Prämie von 312 Franken. Aktuell kostet die gleiche Versicherungsdeckung nur noch 282 Franken. Im Vergleich zu Allianz Suisse ist diese Prämienreduktion noch moderat: Für ein Objekt mit einem Versicherungswert von 850'000 Franken verlangte die Allianz im November 2010 für die Gebäudewasserversicherung 511 Franken – aktuell nur noch 278 Franken, minus 46 Prozent. Solche Beispiele von Prämienreduktionen sind zumindest auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar. Seit Jahren warnen Versicherungsexperten vor der Zunahme von Naturschäden.

 

Überschwemmungen, wie sie in den zurückliegenden Jahren wiederholt auftraten, würden wegen der Klimaveränderung zunehmen, heisst es. Und doch senken nun die Versicherer auf breiter Front ihre Prämien. Der wirkliche Grund für diesen Prämiensturz ist offensichtlich: «Wenn ein neuer Player auftritt, kommt die Prämienspirale in Gang», sagt Ueli Winzenried, Geschäftsleitungsvorsitzender der GVB. Und: «Jahrelang haben die Privatversicherungen im Kanton Bern für die Gebäudewasserversicherung zu viel kassiert.» Obschon die Versicherungswirtschaft immer wieder das Hohelied auf den Wettbewerb anstimmt, bekämpft sie nun den Markteintritt des neuen Players mit allen redlichen und unredlichen Mitteln. So hat der Versicherungsverband eine Beschwerde ans Bundesgericht weitergezogen, auf welche das Bundesverwaltungsgericht nicht eingetreten war. Somit kann die GVB noch immer keine Gebäudewasserversicherungen verkaufen, obschon die Wettbewerbskommission wie auch die Finanzmarktaufsicht der Gebäudeversicherung des Kantons Bern ihren Segen dazu gaben.

 

Verzögerungstaktik

 

Auch den Privatversicherern wird klar sein, dass sie den Markteintritt der GVB nicht verhindern können. Sie können ihn aber verzögern, um sich auf dem Markt besser zu positionieren. Das tun sie, indem sie – wie gesagt – die Prämien senken. Und das tun sie, indem sie das Angebot anpassen. «Überprüfung Ihrer Gebäude-Versicherung», titelt die Mobiliar ein Schreiben an ihre Kunden. Sie erklärt in diesem Brief, dass sie die Versicherungsdeckung der Gebäudeversicherung erweitert hat. Sie spricht in besagtem Schreiben irreführend von «Gebäudeversicherung» und nicht «Gebäudewasserversicherung».

 

Als die Versicherer die Gesetzesänderung bekämpften, erklärten sie im persönlichen Gespräch, es gehe ihnen nicht um die Wasserversicherung. Das sei angesichts der zunehmenden Naturkatastrophen kein rentables Geschäft. Es gehe ihnen vielmehr um das Prinzip. Sie wollten verhindern, dass ein Monopolist sein Geschäftsfeld ausweite, sagten sie damals. Die Marktbearbeitung, wie sie derzeit von den Privatversicherern betrieben wird, belehrt eines Besseren. 

INFOTHEK

Bei einem durch ein Unwetter verursachten Wasserschaden werden unter Umständen drei verschiedene Versicherungen zum Zug kommen – je nachdem, woher das Wasser kam und welche Gegenstände beschädigt wurden.

 

Ist das Wasser durch das Fenster oder die Tür geronnen, weil es nicht hatte abfliessen können, handelt es sich um eine Überschwemmung. Überschwemmungen sind ein Elementarschaden. Dafür ist im Kanton Bern die Gebäudeversicherung zuständig. Sie ist obligatorisch. Ist das Wasser durch die Kanalisation ins Haus gelangt, handelt es sich nicht um einen Elementarschaden. In diesem Fall zahlt die Gebäudewasserversicherung. Diese Versicherung ist freiwillig. Sie zahlt Wasserschäden, die durch Rückstau oder Leitungsbrüche entstanden sind.

 

Drittens dürfte auch die Hausratversicherung zum Zug kommen. Sie deckt die Wasserschäden an den beweglichen Sachen. Nun ist häufig unklar, ob der Wasserschaden auf ein Elementarereignis zurückzuführen ist oder nicht. Anders gesagt: Es ist nicht klar, ob die obligatorische Gebäudeversicherung oder die freiwillige Wasserversicherung den Schaden bezahlt. Dieses Problem wird dann gelöst sein, wenn auch die GVB über eine eigene Tochtergesellschaft freiwillige Gebäudewasserversicherungen verkaufen darf.

 

Erschienen in der BZ am 15. Juni 2012


Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Claude Chatelain