Vierte Säule: Wenn Groupe Mutuel die Mitarbeiter verwöhnt

Samstag morgen im Bistro in Bolligen: Ein Mann erzählt seiner Frau, was er eben im „Bund“ gelesen hat: „Groupe Mutuel auf grosser Kreuzfahrt“. Die Krankenkasse zahlt für eine Plauschfahrt für 1300 Mitarbeitende zwei Millionen Franken. Der Mann ärgert sich. „Kein Wunder, dass wir Jahr für Jahr höhere Prämien zahlen müssen“, wettert er.

 

Darf eine Krankenkasse ihre Mitarbeiter auf eine Kreuzfahrt einladen?

 

 

Würden Axa-Winterthur, Swiss Life, die Basler oder die Mobiliar für ihre Mitarbeitenden als Dank für die gute Arbeit eine Kreuzfahrt spendieren, so würden sie für ihre grosszügige Personalpolitik ungetrübtes Lob ernten. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung sind eine Krankenkasse wie die Groupe Mutuel und ein Lebensversicherer wie Swiss Life zwei ganz verschiedene paar Schuhe. Groupe Mutuel ist in der Krankenpflegeversicherung tätig, die für alle obligatorisch ist und von der man sich deshalb nicht entziehen kann. Swiss Life ist ein privater Lebensversicherer. Lebensversicherungen sind nicht obligatorisch.

 

Soviel zur öffentlichen Wahrnehmung. In Tat und Wahrheit verhält es sich ganz anders: Groupe Mutuel verkauft neben der obligatorischen Grundversicherung auch freiwillige Zusatzversicherungen. Diese Zusatzversicherungen sind juristisch von der obligatorischen Grundversicherung getrennt. Sie werden nicht vom Bundesamt für Gesundheit (BAG), sondern von der Finanzmarktaufsicht (Finma) beaufsichtigt, genau so wie Winterthur, Swiss Life und die anderen Lebensversicherer auch. So gesehen besteht eben zwischen Groupe Mutuel und den Lebensversicherer kein Unterschied. «Wir verwenden selbstverständlich keine Gelder aus der Grundversicherung.» Die Kreuzfahrt werde über die Zusatzversicherungen finanziert, erklärt Yves Seydoux, der Kommunikationschef von Groupe Mutuel.

 

Wenn sich Konsumentenschützer und Ombudsmann über die „fehlende Sensibilität“ von Groupe Mutuel aufregen, so ist das völlig daneben. Das Problem liegt darin, dass das Krankenkassenwesen aus zwei verschiedene Welten besteht, eben der Grund- und der Zusatzversicherung, die völlig anders funktionieren. Die eine ist eine Sozialversicherung, die andere eine gewinnmaximierende Privatversicherung. Die Lösung wäre eine totale Trennung dieser beiden Bereiche, also nicht nur eine juristische, sondern auch eine personelle.

Gerade das wollten Genfer Ärzte mit einer Initiative erwirken. Leider brachten sie die Unterschriften nicht zusammen. Schön wäre es, wenn diese Idee bei der Debatte über die Einheitskrankenkasses wieder aufs Tapet käme.

 

Erschienen in der BZ am 11. Juni 2012

Claude Chatelain