Der "kreativste" Politiker ist tot

Otto Ineichen
Otto Ineichen

Unkonventionell. Wie ein roter Faden zieht sich dieses Attribut durch das berufliche und politische Leben von Otto Ineichen. Manchmal war der Luzerner Nationalrat innerhalb der FDP-Fraktion nicht sonderlich beliebt – etwa wenn er sich quer zur Parteilinie stellte. Typisches Beispiel war die Abstimmung über das Verbot für Parallelimporte vor ziemlich genau vier Jahren. Insbesondere die FDP machte sich für die Beibehaltung des Verbotes stark. Nur ein Einziger aus der Wirtschaftspartei stimmte dagegen: Otto Ineichen. Ein Importverbot konnte der Vollblutunternehmer mit seinem liberalen Verständnis nicht vereinbaren.

 

Sein Gewissen war ihm wichtiger als politisches Taktieren. Unkonventionelle Wege ging Ineichen auch beruflich. 1978 gründete er die Ladenkette Otto’s Schadenposten. Daraus wurde später Otto’s Warenposten. Heute hat die nach eigener Darstellung «verrückteste Ladenkette» knapp 100 Filialen und nennt sich – ebenfalls unkonventionell – Otto’s.

 

Häufig können Patrons nicht loslassen. Anders Otto Ineichen. Er hatte sich im Jahr 2001 aus dem Geschäft zurückgezogen und die Verantwortung seinem Sohn Mark übertragen. Zehn Jahre später gab er auch das Verwaltungsratspräsidium weiter.

 

Kreativ und Innovativ

 

«Für mich war Otto Ineichen der kreativste und innovativste Politiker», erklärte gestern sein Rats- und Parteikollege Christian Wasserfallen. Insbesondere in der Bildungspolitik habe er mit kreativen Ansätzen nachhaltige Pflöcke eingeschlagen. Wasserfallen denkt an die Stiftung Speranza. Deren oberstes Ziel ist die Ausbildung und die nachhaltige Integration von jungen Menschen in den Arbeitsmarkt. So setzte sich Ineichen mit grossem Engagement für Lehrstellen ein. Dadurch hatte er etwa mit dem ehemaligen SP-Nationalrat Rudolf Strahm zu tun, der sich als Autor und Experte ebenfalls mit Bildungsfragen beschäftigt. «Ineichen war eine der originellsten und kreativsten Figuren auf dem politischen Parkett», meint Strahm auf Anfrage. Ein Pragmatiker, der sich nicht scheute, ab und zu die Parteilinie zu überschreiten. So war Ineichen einer der wenigen Politiker aus dem bürgerlichen Lager, der sich intensiv für Benachteiligte einsetzte. «Tausende können ihm die berufliche Integration verdanken», lobt Strahm. Auch für mehr bezahlbare Kinderkrippen setzte sich Ineichen ein — sonst ein klassisches Thema der Sozialdemokraten.

 

An Herzversagen verstorben

 

Der 71-Jährige brach gestern Morgen kurz nach 8 Uhr auf einer Strasse in Sursee zusammen. Reanimationsversuche vor Ort konnten ihn nicht mehr retten. Wegen Herzbeschwerden hatte er schon in der laufenden Session gefehlt. Anstelle von Ineichen dürfte der 52-jährige Peter Schilliger in den Nationalrat nachrücken. Der gelernte Sanitärzeichner ist Mitinhaber und CEO einer Haustechnikfirma mit rund 100 Angestellten. Seit 2003 ist Schilliger Mitglied des Luzerner Kantonsparlaments und seit 2008 präsidiert er die FDP des Kantons Luzern.

 

Erschienen in der BZ am 7. Juni 2012

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Claude Chatelain