Vierte Säule: Das Hinterziehen von Steuern lohnt sich meistens nicht

Wenn Steuerhinterziehung ausdrücklich kein Straftatbestand, sondern höchstens ein Kavaliersdelikt sein soll, so darf man nicht erstaunt sein, dass manche Leute der Versuchung erliegen, einen Teil des Vermögens nicht zu deklarieren. Das schweizerische Bankgeheimnis lädt richtiggehend dazu ein, Geld am Fiskus vorbeizuschmuggeln.

So bin ich auch nicht erstaunt, dass mir Leute etwa offenbaren, dass auch sie noch über nicht versteuertes Geld verfügten. Erstaunt bin ich hingegen über die geringe Höhe der hinterzogenen Beträge. Bei 250 der insgesamt 440 Personen, die sich im vergangenen Jahr im Kanton Bern selber angezeigt haben, beträgt das nicht deklarierte Vermögen keine 100'000 Franken.

 

Wenn das Schwarzgeld nur ein paar Hunderttausend Franken ausmacht, ist die Steuerhinterziehung nicht nur moralisch und rechtlich, sondern auch finanziell fragwürdig. Denn man verliert die Verrechnungssteuer, die man sonst bei korrekter Deklaration zurückerstattet bekäme.

 

Nun könnte man einwenden, dass insbesondere beim heutigen tiefen Zinsniveau die Verrechnungssteuer nicht ins Gewicht fällt. Gegenfrage: Fällt denn die Vermögenssteuer ins Gewicht? Bis 97 000 Franken steuerbares Vermögen sind im Kanton Bern so oder so steuerfrei. Gemeint ist also das Vermögen abzüglich der Hypothekar- und anderen Schulden wie auch all der offenen Rechnungen per Jahresende. Auch bei höherem steuerbaren Vermögen von einigen Hunderttausend Franken fällt die Vermögenssteuer kaum ins Gewicht. Kurz: Für die grosse Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer lohnt sich Schwarzgeld nicht.

 

Finanziell interessant ist das Hinterziehen von Steuern hingegen für Multimillionäre, da die Vermögenssteuer einer starken Progression unterliegt. Kein Wunder, dass das Bankgeheimnis in der Schweiz vor allem den Betuchten am Herzen liegt.

 

Womit ich bei meinem Lieblingswitz angelangt bin, den ich hier nicht zum ersten Mal erzähle: Wer ist glücklicher, der Mann mit sieben Kindern oder der Mann mit sieben Millionen Franken? Natürlich der Mann mit sieben Kindern. Der andere will noch mehr.

 

Erschienen in der BZ am 5. Juli 2012

Claude Chatelain