Doppelverdiener werden bestraft

Colette Nova
Colette Nova

Teilzeitbeschäftigte sind in der 2. Säule benachteiligt. Das gilt insbesondere für Paare, die beide wegen der Kinder das Pensum reduzieren.

 

Ist man bei mehreren Arbeitgebern angestellt, so hat man in der beruflichen Vorsorge Nachteile in Kauf zu nehmen. Benachteiligt sind auch Paare, die Beruf und Kinderbetreuung aufteilen und deshalb «nur» Teilzeit angestellt sind. Der Nachteil lässt sich auf einen Begriff reduzieren: Koordinationsabzug. Es ist jener Betrag, der vom AHV-Lohn für die Berechnung der Beiträge in Abzug gebracht wird. Oder anders gesagt: Der Koordinationsabzug ist die Differenz zwischen dem AHV-Lohn und dem versicherten Lohn: Je höher der Koordinationsabzug, desto tiefer der versicherte Lohn und damit die Beiträge.

Mit diesem Abzug sollen die Leistungen der 1. und der 2. Säule koordiniert werden. Und je tiefer die Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge, desto geringer wird die Rente ausfallen. Der gesetzliche Koordinationsabzug beträgt derzeit 24 360 Franken. Das Fiese am heutigen System: Der Koordinationsabzug wird nicht dem Beschäftigungsgrad angepasst. Hat man bei zwei Arbeitgebern ein Pensum von je 50 Prozent, so können beide Vorsorgeeinrichtungen den vollen Abzug vornehmen. Somit kommt der versicherte Lohn massiv unter dem AHV-Lohn zu stehen. Das gleiche Lied können Mann und Frau singen, wenn sie dem Familiengeist zuliebe ihre Pensen reduzieren.

 

Vorbildliche Migros

 

Das Problem wäre ganz einfach zu lösen: Man müsste nur den Koordinationsabzug dem Beschäftigungsgrad anpassen. Gewisse Kassen, wie etwa die Migros-Pensionskasse oder die Personalvorsorgestiftung der Ringier-Gruppe, tun dies freiwillig. Doch bei der Mehrheit der Kassen wird auf Teilzeitbeschäftigte keine Rücksicht genommen und der ganze Koordinationsbetrag in Abzug gebracht. Entsprechende Vorstösse im Parlament sind bisher abgelehnt worden. Und erst kürzlich hat der Bundesrat einen Bericht zur 2. Säule publiziert. Eine Anpassung des Koordinationsabzugs an das Arbeitspensum ist darin kein Thema.

 

Schwierig zu überprüfen

 

Laut Colette Nova wäre ein vom Pensum abhängiger Koordinationsabzug für die obligatorische Versicherung nicht sinnvoll. «Es gibt kein schweizweit gleiches Arbeitspensum», sagt die Vizedirektorin des Bundesamtes für Sozialversicherung. Ein 100-Prozent-Pensum umfasse je nach Branche, Betrieb und Kategorie unterschiedlich viele Stundenzahlen. Somit wäre bei diesem Modell im Rahmen der obligatorischen Versicherung ohne aufwendige Überprüfung nicht ersichtlich, ob die obligatorisch zu versichernden Personen tatsächlich richtig versichert seien. Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Vorsorgeeinrichtungen und die mit der Durchsetzung der Versicherungspflicht beauftragten Institutionen müssten aber auf den ersten Blick feststellen können, ob eine Person versichert sein müsse und richtig versichert sei. Schliesslich bestünde aufgrund genau dieser Sachlage auch ein gewisses Manipulationspotenzial: Ein Arbeitgeber könnte die Anpassung an das Pensum hintertreiben, indem er zum Teil ein unüblich tiefes Pensum als Vollpensum deklarieren würde. «Was auf den ersten Blick sinnvoll und nützlich scheinen mag, erweist sich bei einer näheren Prüfung als nicht durchführbar», meint Colette Nova.  

Was tun, wenn man zwei Arbeitgeber hat?

 

Verdient ein Angestellter bei zwei Arbeitgebern je über 20 800 Franken im Jahr, so ist er normalerweise bei beiden Firmen obligatorisch in der beruflichen Vorsorge versichert. Was aber geschieht, wenn zum Beispiel eine teilzeitbeschäftigte Mutter bei mehreren Arbeitgebern zwar insgesamt über 20'800 Franken verdient, bei jedem einzelnen Arbeitgeber aber die genannte Eintrittsschwelle nicht erreicht? So viel vorab: Dann wird es kompliziert. Grundsätzlich muss eine Person bei einem Gesamteinkommen von über 20'800 Franken obligatorisch versichert sein. Die Frage ist nur: wie?

 

So muss die Frau mit den Arbeitgebern abklären, wieweit sie sich versichern kann, obschon sie beim betreffenden Arbeitgeber die derzeit gültige Eintrittsschwelle von 20'800 Franken nicht erreicht.

 

 

Je nach Pensionskassenreglement kommt es vor, dass man das gesamte Einkommen beim einen Arbeitgeber versichern kann, der dann vom anderen Arbeitgeber die Beiträge erhält. Solche Übungen müssen aber im Reglement vorgesehen sein, was leider eher selten der Fall ist. Eine Möglichkeit ist auch die Auffangeinrichtung. Artikel 46 BVG sagt: «Der nicht obligatorisch versicherte Arbeitnehmer, der im Dienste mehrerer Arbeitgeber steht und dessen gesamter Jahreslohn 20 880 Franken übersteigt, kann sich entweder bei der Auffangeinrichtung oder bei der Vorsorgeeinrichtung, der einer seiner Arbeitgeber angeschlossen ist, freiwillig versichern lassen, sofern deren reglementarische Bestimmungen es vorsehen.»

 

Erschienen in der BZ am 29. Mai 2012


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Claude Chatelain