Managed Care: Was im Abstimmungskampf ausgeblendet wird

Was ist eigentlich mit dem Risikoausgleich, über den am 17. Juni ebenfalls abzustimmen ist? Bei der Managed-Care-Vorlage geht es um mehr als um die freie Arztwahl.

 

Alle sprechen sie nur von den neuen Ärztenetzwerken mit Budgethoheit und der leicht teureren freien Arztwahl. Doch die Managed-Care-Vorlage, über welche das Schweizervolk am 17. Juni abstimmen darf, enthält noch eine andere, nicht minder wichtige Bestimmung: die Verfeinerung des Risikoausgleichs (siehe Infothek). Sollte die Managed-Care-Vorlage die Gunst des Schweizervolks erlangen, erhielte der Bundesrat die Kompetenz, den Risikoausgleich weiter zu verfeinern. 

 

Damit könnte eines der Hauptprobleme des herrschenden Krankenkassenwesens eliminiert werden: die Jagd nach gesunden Risiken. Bei einem funktionierenden Risikoausgleich hätten die Krankenkassen keine Veranlassung mehr, Jagd auf gesunde Risiken zu machen oder – wie es im Fachjargon heisst – Risikoselektion zu betreiben. Daher ist es doch erstaunlich, dass in der laufenden Abstimmungsdebatte der verfeinerte Risikoausgleich kein Thema ist. Die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel kennt den Grund: «Mit dem Risikoausgleich lässt sich weder polemisieren, noch lassen sich Ängste schüren.» Für Visana-Sprecher Christian Beusch ist der Risikoausgleich «ein volkswirtschaftlicher Unsinn, aber eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit». Davon sind freilich nicht alle Krankenkassen überzeugt. Jene Krankenversicherer, welche Billigkassen unterhalten und daher an einem fairen Ausgleich der Risiken kein Interesse haben, konnten bisher die Parlamentarier dazu überreden, eine Verbesserung des Risikoausgleichs zu verschleppen. Bei einem Ja zu Managed Care könnte dann aber nicht mehr das Parlament, sondern der Bundesrat den Risikoausgleich definieren. Deshalb ist diese Bestimmung so wichtig.

 

Bundesrat soll bestimmen

  

Bis Ende 2011 berücksichtigte der Risikoausgleich lediglich das Alter und das Geschlecht. Dieser Ausgleich war mangelhaft. Denn mit einem funktionierenden Risikoausgleich gäbe es zwischen den Kassen nicht die horrenden Prämienunterschiede, wie sie heute zu beobachten sind. Deshalb gilt seit Anfang Jahr auch der Aufenthalt in einem Spital oder Pflegeheim im Vorjahr als Ausgleichskriterium (siehe Kasten). Doch Experten gehen davon aus, dass damit die Wirksamkeit des Risikoausgleichs zwar verbessert, deren Mängel aber nicht gänzlich behoben würden. Deshalb soll zusätzlich auch der Medikamentenkonsum miteinbezogen werden. Gemäss einem Bericht des Bundesrats könnte man für den Risikoausgleich darüber hinaus auch diagnostische Instrumente, die Einschränkung der Erwerbsfähigkeit, Angaben zur Morbidität oder Informationen zum Kassenwechsel oder der Höhe der Franchise verwenden. Doch solche Verfeinerungen sind politisch nur dann durchzusetzen, wenn sie der Bundesrat in eigener Kompetenz bestimmen kann, wie das in der Managed-Care-Vorlage vorgesehen ist. 

 

Wie es früher war

 

Vor Inkrafttreten des Krankenversicherungs-

gesetzes (KVG) per Januar 1996 gab es keinen Risikoausgleich unter den Kassen. Es gab aber auch keine Einheitsprämie, sondern nach Alter abgestufte Prämien. Es gab Eintrittsaltersgrenzen und Versicherungsvorbehalte. Deshalb war auch die Freizügigkeit stark eingeschränkt. Kranke konnten nicht einfach so die Kasse wechseln, wie das heute ohne negative Konsequenzen möglich ist. Dies führte dazu, dass vorwiegend jüngere Versicherte insbesondere männlichen Geschlechts die Krankenkasse wechseln konnten. Die Folge davon war eine zunehmende Konzentration der «schlechten Risiken» bei bestimmten Krankenversicherern und damit eine zunehmende Entsolidarisierung in der sozialen Krankenversicherung.

 

Was ist der Risikoausgleich?

 

Der Risikoausgleich bezweckt einen Ausgleich der Unterschiede in der Struktur der Versicherten-bestände. Kassen mit vorwiegend günstigen Kunden zahlen Beiträge in den Risikoausgleich, welche den Kassen mit überdurchschnittlich teuren Kunden zugutekommen. Der Fachmann spricht hier von Risikoausgleichszahlungen zwischen Krankenversicherern mit vorwiegend «schlechten Risiken» und Krankenversicherern mit vorwiegend «guten Risiken». Würde dieser Risikoausgleich vollends funktionieren, hätten alle Kassen ähnlich hohe Prämien. Und sie hätten keinerlei Anreiz mehr, Jagd auf gesunde Risiken zu machen. Ein solcher Risikoausgleich ist auch deshalb nötig, weil die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) einheitliche Prämien kennt.

 

Erschienen in der BZ am 24. Mai 2012


Claude Chatelain