Vierte Säule: Mit Managed Care wird die freie Arztwahl nicht abgeschafft

Jacques de Haller
Jacques de Haller

Jacques de Haller, der Präsident der Ärztevereinigung FMH, findet es falsch, die Patienten in integrierte Versorgungsnetze zwingen zu wollen. Deshalb bekämpft er die Managed-Care-Vorlage, über welche das Schweizervolk am 17. Juni abstimmen wird.

Ich möchte auch nicht dazu gezwungen werden, mich einem solchen Versorgungsnetz anzuschliessen. Ich möchte nicht unbedingt einen Arzt aufsuchen müssen, der über ein Budget verfügt. Womöglich hätte ich dem Arzt gegenüber ein schlechtes Gewissen, wenn ich teure Behandlungen über mich ergehen lassen müsste. Doch wer spricht hier von einem Zwang? Niemand wird gezwungen, sich einem Managed-Care-Modell anzuschliessen. Die freie Arztwahl wird auch nach Annahme der Managed-Care-Vorlage möglich sein.

 

Nun machen de Haller und seine Komplizen der SP geltend, dass die freie Arztwahl nicht teurer werden dürfe, als sie heute bereits ist. Bitte sehr: Was heisst hier teurer? Der Selbstbehalt wird neu 15 statt 10 Prozent betragen, im Maximum 1000 statt 700 Franken, sofern man auf die freie Arztwahl nicht verzichten will. Also maximal 300 Franken mehr als heute; das sind 25 Franken pro Monat. Zugegeben: Für gewisse Einkommensklassen sind 25 Franken viel Geld. Doch diese kommen eh in den Genuss von Prämienverbilligungen, wenn man bedenkt, dass bei über 30 Prozent der Schweizerinnen und Schweizern die Prämien mit Steuergeldern verbilligt werden. Und dann kommt noch dieser Spruch von der Zweiklassenmedizin. Ausgerechnet de Haller, der wiederholt die teuren Spezialisten verteidigt, will angeblich keine Zweiklassenmedizin. Doch was haben wir denn heute? Wer sich von einem Chefarzt operieren lassen und im Spital in einem Einzelzimmer gepflegt werden will, muss eine nicht gerade billige Spitalkosten-Zusatzversicherung abschliessen.

 

Man darf für oder gegen die Managed-Care-Vorlage sein. Doch das Argument der Zweiklassenmedizin ist ein fauler Witz. Diese ist bereits heute Tatsache – Managed Care hin oder her.

 

Erschienen in der BZ am 1. Mai 2012

Claude Chatelain