Vierte Säule: Spitäler mit lauter Einzelzimmern

Mit Mehrbettzimmern ist es schwierig, eine optimale Auslastung zu erzielen.
Mit Mehrbettzimmern ist es schwierig, eine optimale Auslastung zu erzielen.

Haben Sie sich schon überlegt, weshalb die Spitäler in der Schweiz Mehrbettzimmer haben? Was spricht gegen ein Spital mit lauter Einzelzimmern?

Auf den ersten Blick hört sich das nach viel Luxus an, nach einem Spital mit ausschliesslich Privatpatienten. Doch eigentlich könnte man ein Einzelzimmerspital rentabler bewirtschaften als die heutigen Spitäler mit ihren Zwei- und Vierbettzimmern oder gar Sechsbettschlägen. Im niederländischen Maastricht gibt es nämlich so ein Spital mit lauter Einbettzimmern – und zwar nicht nur für Privatpatienten. Und die Oranjes sind bekanntlich nicht nur im Fussball viel besser als die Schweizer. Auch im Gesundheitswesen können wir von ihnen lernen.

 

In Mehrbettspitälern ist es nämlich sehr schwierig, eine optimale Auslastung zu erzielen. Deshalb bleiben häufig Betten leer. So kann man die Patienten nicht willkürlich mischen. Sie müssen nicht nur nach Geschlecht getrennt werden, sondern auch nach anderen Kriterien. So dürfen Personen mit einer Infektionskrankheit nicht mit anderen Patienten das Zimmer teilen. Sie erhalten automatisch ein Einzelzimmer, auch wenn sie «nur» allgemein versichert sind. Das Gleiche gilt unter Umständen für Frauen und Männer, die direkt aus dem Operationssaal kommen. Warum ist das Einzelzimmerspital in der Schweiz trotz dieser Vorzüge kein Thema? Wegen der Spitalkosten-Zusatzversicherungen halbprivat und privat. Man könnte dann nicht mehr für Zweibettzimmer höhere Tarife verlangen als für Vierbettzimmer. Und das Einzelzimmer könnte man nicht mehr den betuchten Patienten vorbehalten, welche via Zusatzversicherung «private Abteilung» tief in die Tasche greifen. Sowohl Ärztinnen, Ärzte wie auch die Krankenversicherer haben kein Interesse an der Abschaffung von Mehrbettzimmern oder an der Einführung eines Einzelzimmerspitals. Das ginge ihnen ans Portemonnaie, denn sie profitieren von den Spitalkostenzusatzversicherungen. Einzelzimmerspitäler sind deshalb in der Schweiz etwa so unrealistisch, als hiesige Fussballer je das Niveau der Oranjes erreichen.

 

Erschienen in der BZ am 24. April 2012

 

Claude Chatelain