Was ändert sich mit dem ersten Schrei?

Wenn das Bébé kommt, gibts nicht nur akustische Veränderungen.
Wenn das Bébé kommt, gibts nicht nur akustische Veränderungen.

Mit der Geburt des ersten Kindes ändert sich viel für die junge Familie — auch im Hinblick auf einen umfassenden Versicherungsschutz. Im Wesentlichen müssen Eltern vier Risiken überprüfen: Krankheit, Unfall, Erwerbsunfähigkeit und Tod. Welche Versicherung ist wichtig? Auf welche kann man getrost verzichten?

 

Krankheit Mutter: Da die Krankenpflegeversicherung obligatorisch ist, besteht für den Risikoschutz infolge Krankheit kein Handlungsbedarf. Es stellt sich höchstens die Frage, ob Zusatzversicherungen sinnvoll sein könnten. Allenfalls lohnt es sich, nach der Geburt die Franchise zu erhöhen. Die Häufigkeit der Arztbesuche nimmt nach der Geburt eher ab als zu.

Unfall Mutter: Bei Aufgabe der Erwerbstätigkeit ist bei der Krankengrundversicherung der Zusatz für Unfall einzuschliessen. Wird jedoch die Mutter die Erwerbstätigkeit bloss um den vorgesehenen Mutterschaftsurlaub von 16 Wochen unterbrechen, so bleibt das Arbeitsverhältnis bestehen, und damit ist die Wöchnerin über den Arbeitgeber gegen Nichtberufsunfall versichert.

• Tipp: Bei Reduktion der Arbeitszeit darauf achten, dass das Wochenpensum mindestens acht Stunden beträgt. So bleibt man obligatorisch über den Arbeitgeber auch gegen Nichtberufsunfall versichert

 

Erwerbsunfähigkeit Mutter: Wenn die Mutter einer Pensionskasse angeschlossen bleibt, so wird sie bei einer bleibenden Erwerbsunfähigkeit neben der 1. Säule auch von der 2. Säule je eine IV-Rente plus eine Kinderrente erhalten. Dringender Handlungsbedarf ist in den meisten Fällen kaum gegeben. Anders bei erwerbslosen Hausfrauen oder Teilzeit arbeitenden Müttern, die keiner Pensionskasse angeschlossen sind. Können sie als Folge einer Krankheit oder eines Unfalls ihre Arbeit nicht mehr erledigen, ist eine Haushaltshilfe und allenfalls eine Tagesmutter anzuheuern. Reicht der Lohn des Mannes, um diese Kosten zu decken? Falls nicht, ist beim Krankenversicherer eine Haushalt-Taggeldversicherung abzuschliessen.

• Tipp: Bei Taggeldversicherungen ist es besonders wichtig, das Kleingedruckte zu lesen. Sind Unfall und Krankheit oder nur eines von beiden versichert? Ist die Mutterschaft mitversichert? Gibt es eine Kündigungsmöglichkeit im Schadenfall?

 

Tod Mutter: Lebensversicherungen werden meist nur für den Mann abgeschlossen. Was aber passiert beim Tod der Mutter? Wie bezahlt der Vater Haushaltshilfe und Tagesmutter? Vielleicht kann er für solche Fälle aufs Grosi hoffen. Vielleicht kann er sich mit Nachbarn organisieren. Vielleicht wird er in eine kleinere und günstigere Wohnung ziehen und wird die anfallenden Kosten bestreiten können. Vielleicht reichen die Renten aus, denn von der AHV erhält der allein erziehende Vater eine Witwer- und Kinderrente. Sollten die Renten nicht ausreichen, bieten sich reine Todesfallversicherungen an. Diese sind kündbar, sobald der Todesfallschutz nicht mehr nötig ist.

• Tipp: Hände weg von den klassischen, langfristigen Sparversicherungen. Was heute sinnvoll erscheint, ist in zwanzig Jahren womöglich sinnlos.  

Krankheit Kind: Das Kind sollte schon vor der Geburt bei der Krankenkasse angemeldet werden. Wer auf alternative Heilungsmethoden steht, wird eine Natura-Zusatzversicherung abschliessen. Zahnversicherungen sind in der Phase des zahnlosen Lächelns nutzlos, später aber umso bedeutender. Sie können nur bis zu einem bestimmten Alter abgeschlossen werden – oft nur bis zum sechsten Altersjahr.

 

Unfall Kind: Während bei Erwachsenen der Unfallzusatz in der Krankenversicherung gestrichen werden kann, sind Kinder in der Grundversicherung automatisch auch gegen Unfall versichert.

Erwerbsunfähigkeit Kind: Sollte das Kind wegen eines Unfalls oder einer Krankheit derart behindert sein, dass es später keiner oder nur beschränkt einer Erwerbstätigkeit nachgehen kann, wird die IV eine Rente zahlen. Falls die Rente fürs Leben nicht ausreicht, werden Ergänzungsleistungen und je nach Grad der Hilflosigkeit eine Hilflosenentschädigung ausgerichtet. Damit wird nur das Minimum abgedeckt.

 

Wohlhabende Eltern werden sich überlegen, eine Kinderversicherung abzuschliessen. Damit erhielte das Kind eine Rente, sollte es wegen eines Unfalls oder einer Krankheit später keiner Erwerbstätigkeit nachgehen können. Die Angebote unterscheiden sich von Versicherer zu Versicherer, und sie sind sehr teuer. Günstiger sind die UTI-Versicherungen der Krankenkassen: Unfall-Tod-Invalidität. Sie zahlen bei einem schweren Unfall die versicherte Summe.

 

Tod Kind: Das Risiko Tod ist dort zu versichern, wo das Ableben einer Person finanzielle Einbussen verursacht. Beim Kind ist das nicht der Fall. Es wäre pietätlos, sich beim Tod eines Kindes bereichern zu wollen. Die UTI-Versicherung zahlt beim Tod ein Kapital von einigen Tausend Franken. Es dient der Deckung der Bestattungskosten.

 

Krankheit Vater: Weil die neuen Umstände das Budget strapazieren, bietet der erste Schrei eine gute Gelegenheit, auch beim Vater all die Zusatzversicherungen zu durchforsten.

• Tipp: Man falle nicht auf die Familienrabatte ein. Sie sind gering und gelten nur für Zusatzversicherungen der Kinder, die ohnehin schon günstig sind.

 

Unfall Vater: Unsere Gesetze wollen es, dass man bei einem Unfall meistens sehr gut und bei einer Krankheit nur mässig versichert ist. Die Unfallversicherungsgesellschaft zahlt bei Unfall nicht nur die Heilungskosten, sondern auch Taggelder, Renten und Integritätsentschädigungen. Der Anspruch auf Taggeld entsteht bereits am dritten Tag nach dem Unfall. Fazit: kein Handlungsbedarf.

• Tipp: Überprüfen, ob der Unfallzusatz bei der Krankengrundversicherung auch wirklich gestrichen ist. Sonst zahlt man doppelt.

 

Erwerbsunfähigkeit Vater: Wird der Vater erwerbsunfähig, erhält er aus der 1. Säule eine IV-Rente und für jedes Kind eine Kinderrente. Dann gibt es von der Pensionskasse neben der gewöhnlichen Erwerbsunfähigkeitsrente ebenfalls zusätzliche Renten pro Kind. In den meisten Fällen reichen diese Renten aus. Allerdings ist zu überprüfen, ob man über den Arbeitgeber einer kollektiven Taggeldversicherung angeschlossen ist. Bei längerer Krankheit zahlt der Arbeitgeber je nach Anzahl Anstellungsjahre für einige Monate den vollen Lohn. Besteht eine kollektive Taggeldversicherung, so werden bis zur Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit 80 Prozent des Lohnes weiterbezahlt. Spätestens nach zwei Jahren sollte dann die IV eine Rente bezahlen.

• Tipp: Die Möglichkeit prüfen, ob mit Nachzahlungen in die Pensionskasse der IV-Schutz erhöht werden kann.

Tod Vater: Wie bei Erwerbsunfähigkeit fliessen auch beim Tod diverse Renten aus diversen Quellen, namentlich aus der 1. und der 2. Säule: AHV wie Pensionskasse zahlen pro Kind eine Kinderrente. Die Witwenrenten der staatlichen und der beruflichen Vorsorge kommen noch dazu. Je mehr Kinder im Haushalt, desto grösser das Renteneinkommen. Bei jungen Vätern mit nur einem Kind sind die Renten bei der Pensionskasse oft relativ bescheiden. Da kann eine zusätzliche Risikoversicherung unter Umständen sinnvoll sein. Die flexiblen, reinen Risikoversicherungen sind den starren, gemischten Kapitalversicherungen vorzuziehen.

• Tipp: Gewisse Versicherungsgesellschaften unterscheiden zwischen Raucher- und Nichtrauchertarifen. Raucher wenden sich an Anbieter, welche diese Unterscheidung nicht machen. Wer ganz ohne Nikotin auskommt, ist mit einem Nichtrauchertarif am besten bedient. Die Prämienunterschiede sind enorm. Ein Vergleich lohnt sich.

 

Erschienen in der BZ am 10. April 2012

Claude Chatelain