Berner Regionalbanken auf solidem Fundament

Die Regionalbanken im Kanton Bern schauen mehrheitlich auf ein gutes Geschäftsjahr zurück – trotz dürftiger Zinsmarge. Sobald die Zinsen steigen, wird sich zwar die Marge verbessern, dafür kommen dann andere Probleme auf die Banken zu.

Die Banken klagen über die mageren Zinsmargen. Regionalbanken verdienen ihr Geld hauptsächlich mit der Entgegennahme von Spargeldern und dem Vergeben von Krediten. Sie leisten damit einen unentbehrlichen Beitrag für die Volkswirtschaft, was man bei gewissen Aktivitäten der Grossbanken nicht behaupten darf. Befinden sich die Zinsen mehr oder weniger am Boden, so ist mit dem Spar- und Kreditgeschäft kaum Geld zu verdienen. Die Zinsmarge, die Differenz zwischen Spar- und Hypothekarzinsen, ist extrem klein. Und doch haben etliche Banken im Kanton Bern das operative Ergebnis, den Bruttogewinn, steigern können.

 

Mehr Kundengelder

 

Bemerkenswert ist ferner, dass in manchen Fällen die Kundengelder stärker zugenommen haben als die Ausleihungen – und dies trotz der extrem tiefen Sparzinsen. Dies schlägt sich in einem höheren Kundendeckungsgrad nieder. Keine der in der Tabelle aufgeführten Banken weist einen Deckungsgrad von unter 80 Prozent aus; einige kommen sogar auf über 90 oder – die Stadtberner DC-Bank – auf über 100 Prozent.

 

Gesucht: Neue Ertragsquelle

 

Ein zu tiefer Deckungsgrad führt bei kleineren Banken zu Finanzierungsengpässen. Das ist mit ein Grund, weshalb die Raiffeisengruppe schon fast krampfhaft eine Vermögensverwaltungsbank einverleiben wollte. Sie kommt damit zu Spargeldern, die sie ausleihen kann. Auch kleinere Banken trachten danach, ihr Vermögensverwaltungsgeschäft auszubauen, um damit zusätzliche Kommissionseinnahmen zu generieren und den Ertrag zu diversifizieren. Der Finanzierungsengpass ist freilich kein neuer Trend. Schon in den neunziger Jahren warnten Bankenvertreter vor zu tiefen Deckungsgraden. Mehr und mehr legten Kunden ihre Ersparnisse in Aktien und Obligationen an, statt sie aufs Sparbuch zu legen. Damit entgehen den Banken die für die Ausleihung von Krediten benötigten Kundengelder. Im zurückliegenden Jahr haben aber die meisten Banken höhere Kundengelder angezogen oder nur eine unbedeutende Abnahme registriert. Auch dies ist auf das tiefe Zinsumfeld zurückzuführen. «Wer kauft bei diesen Zinsen schon Obligationsanleihen oder Obligationenfonds?», fragt EEK-Direktor Daniel Pfanner rhetorisch. Die tiefen Zinsen halten also die Leute nicht davon ab, das Geld aufs Sparkonto zu legen. Im Gegenteil: Sie halten grosse Barbestände, um dann Obligationen kaufen zu können, sobald die Zinsen wieder steigen.

 

Bei steigenden Zinsen können höhere Margen erzielt werden. Für die Banken ist das grundsätzlich positiv. Andererseits werden bei höheren Zinsen Spargelder in Wertschriften fliessen, sodass Kundengelder abfliessen und die Regionalbanken Finanzierungsprobleme bekommen. Freilich wären von diesem Trend nicht alle Banken gleich betroffen: «Unsere Kunden sind zurückhaltender im Anlagegeschäft», meint etwa Peter Ritter, Geschäftsführer der Clientis-Bernerland-Bank mit Hauptsitz Sumiswald.

 

Auflagen verursachen Kosten

 

Eine der wichtigsten Kennziffern ist ferner das Kosten-Ertrag-Verhältnis. Dieses hat sich in den vergangenen Jahren bei etlichen Banken negativ entwickelt. Zurückzuführen ist dies auf die stets höheren Kosten, die die wachsende Flut von gesetzlichen, regulatorischen und aufsichtsrechtlichen Vorschriften verursacht. Positiv fällt hier der rekordverdächtig tiefe Wert bei der Thuner AEK-Bank auf, die nun auch in die Bundesstadt expandieren will.

 

«Small is beautiful»

 

Wer wissen möchte, wie gut die Bank mit Eigenmitteln dotiert ist, schaut auf den Eigenmitteldeckungsgrad. Er setzt die anrechenbaren Eigenmittel ins Verhältnis zu den erforderlichen. Je höher der Eigenmitteldeckungsgrad, desto dicker das Polster. Laut geltender Regelung müssen die meisten Regionalbanken derzeit einen Eigenmitteldeckungsgrad von 120 Prozent aufweisen. Im Zuge der weltweiten Verschärfung der Eigenmittelvorschriften verlangt die Finanzmarktaufsicht ab 2016 einen Eigenmitteldeckungsgrad von 150 Prozent. Der nebenstehende Vergleich zeigt, dass praktisch alle Banken diese Schwelle deutlich überschreiten. Und der Vergleich zeigt auch, dass die kleineren Banken tendenziell besser kapitalisiert sind als die grossen. Im Vergleich zum Bruttogewinn kann man den Reingewinn über Abschreibungen oder mit einer Aufstockung des Eigenkapitals leichter manipulieren. Manche Bank wird auch aus steuerlichen Gründen kein Interesse haben, einen allzu hohen Reingewinn auszuweisen. «Die EKR hat im Berichtsjahr den Reingewinn absichtlich tief gehalten und wird dies auch in den kommenden Jahren so handhaben», erklärt Beat Kauer, Leiter Rechnungswesen der Ersparniskasse Rüeggisberg. «Dies haben wir zugunsten der verbesserten anrechenbaren Eigenmittel als Vorbereitung auf Basel III so beschlossen.» Und bei der Spar- und Leihkasse Gürbetal ist der rückläufige Reingewinn laut Bankleiter Markus Siegrist auf «umfangreiche Abschreibungen und Rückstellungen im Zusammenhang mit unserem IT-Migrationsprojekt» zurückzuführen.

 

Begriffe kurz erklärt:

 

Bruttogewinn: Vergleichbar mit dem operativen Gewinn eines Industriebetriebs. Der Bruttogewinn ist aussagekräftiger als der Jahresgewinn.

 

Deckungsgrad: Verhältnis der Kundengelder zu den Ausleihungen. Diese Zahl besagt, wieweit eine Bank die ausgegebenen Kredite mit Spargeldern zu finanzieren vermag.

 

Eigenmitteldeckungsgrad: Das Verhältnis der anrechenbaren zu den erforderlichen Eigenmitteln. Die Finma verlangt von den Regionalbanken einen Eigenmitteldeckungsgrad von 120 Prozent.

 

 

 

Leverage Ratio: Das Verhältnis der ausgewiesenen Eigenmittel zur Bilanzsumme. Je höher diese Kennzahl, desto dicker ist die Eigenkapitaldecke.

 

Kosten-Ertrag-Verhältnis: Die Cost-Income-Ratio setzt die Kosten in Verhältnis zum Ertrag. Diese Kennziffer ist bei Regionalbanken in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen und hat damit die finanzielle Situation verschlechtert.

 

Erschienen in der BZ am 10. April 2012


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Claude Chatelain