Tunesier lechzen nach Touristen

Sidi-Oqba-Moschee in Kairoun
Sidi-Oqba-Moschee in Kairoun

Der Tourismus in Tunesien ist im letzten Jahr völlig zusammengebrochen. Nun ziehen die Verantwortlichen alle Register, um das Geschäft wieder anzukurbeln. Ein Augenschein vor Ort.

 

Sonne, Sand, Meer, bunte Teppiche. Wer Tunesien hörte, dachte an solche Attribute. Das war bis vor einem Jahr. Heute weckt das Wort Tunesien ganz andere Assoziationen: Renitente Asylsuchende, Wirtschaftsflüchtlinge, Diebstähle. «Tunis übertölpelt Bern», titelte diese Zeitung am 24. März. Für den vom Tourismus abhängigen Maghrebstaat ist diese Entwicklung verheerend. So lud das Office Nationale du Tourisme Tunesien (ONT) – das tunesische Pendant zu Schweiz Tourismus – eine Delegation Schweizer Medienleute ein. Sie sollten mit eigenen Augen sehen, dass entlang der zweifellos wunderschönen Strände wie auch rund um die archäologischen Schätze alles unter Kontrolle sei.

Im zurückliegenden Jahr ist der Tourismus in Tunesien völlig zusammengebrochen, obschon die Revolution im März vorüber war und danach in den touristischen Zentren alles seinen gewohnten Gang nahm – freilich mit viel weniger Gästen als sonst. Die Zahl der Besucher nahm insgesamt um 30 Prozent ab. Der Rückgang europäischer Gäste betrug 41 Prozent; jener der Schweizerinnen und Schweizer sogar 55 Prozent. In der Rangliste der Herkunftsländer liegt die Schweiz auf Rang zehn.

 

Warum, Monsieur le Ministre, ist der Besucherrückgang aus der Schweiz derart höher als aus Europa? «Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht», erklärt der tunesische Tourismusminister Elyes Fakhfakh. Der gelernte Ingenieur ist Mitglied der sozialdemokratischen Partei Ettakatol, die kleinste der drei Koalitionsparteien. Zweite Frage: «Sind Sie sich, Monsieur le Ministre, bewusst, dass Tunesien wegen all der Wirtschaftsflüchtlinge fast chronisch in den negativen Schlagzeilen steht?» «Ja, wir sind uns dessen bewusst», sagt der 39-jährige Minister und relativiert: 22 000 Tunesier seien nach der Revolution nach Europa gegangen. 8000 seien bereits wieder zurückgekommen. Doch Tunesien hatte 600 000 Libyer aufgenommen. «Man muss hier die Relationen sehen», sagt Elyes Fakhfakh. Mittlerweile sind die Libyer bis auf 10 000 wieder in die Heimat zurückgekehrt.

 

Verblüffend offen lässt der Tourismusminister durchblicken, dass es durchaus im Interesse Tunesiens ist, dass Tausende ihrer Landsleute das Land verliessen. Tunesien mit 11 Millionen Einwohnern zählt 750 000 Arbeitslose. «25 Prozent davon haben eine höhere Ausbildung», sagt der aus der Küstenstadt Sfax stammende Fakhfakh. Er zeigt Verständnis für diese Leute, dass sie ihr Glück in Europa suchten. Fakhfakh muss es wissen: Er selber arbeitete 12 Jahre in Europa, 2 davon in Genf. 

Elyes Fakhfakh
Elyes Fakhfakh

Am Tag nach dem Interview können die Medienleute im Internet lesen, dass die Gespräche zwischen der Schweiz und Tunesien über eine Migrationspartnerschaft abgeschlossen seien. Für Stirnrunzeln sorgt aber der Hinweis, dass junge Tunesier in der Schweiz ausgebildet werden sollen. Elyes Fakhfakh sprach jedoch weniger von den Ungelernten, sondern von den Ausgewanderten mit einer höheren Ausbildung. Zudem sei daran zu erinnern, dass in der Revolution die Gefängnistore nicht nur den politisch Verfolgten geöffnet wurden, sondern allen Insassen – also all den Gangstern, Dieben, Einbrechern und Drogendealern. In tunesischen Cafés sagt man sich, die Revolutionäre hätten den Gefangenen nahe gelegt, nach Lampedusa zu flüchten.

 

Ist Tunesien auch wirklich sicher? Kann man das Reiseland vorbehaltlos empfehlen? Es wäre vermessen, diese Fragen nach einem viertägigen geführten Trip beantworten zu wollen. Mit Sicherheit kann man aber sagen, dass die Spuren der Revolution weggewischt sind. Man sieht wohl mehr Kopftücher als früher, insbesondere in der heiligen Stadt Kairouan mit ihrer berühmten Sidi-Oqba-Moschee. Sonst ist alles wie gehabt: Bei den archäologischen Städten sind die Händler nicht aufdringlicher als früher. In den Souks rufen einem die sprachgewandten Männer «Chum Chueli chum» und «Chuchichäschtli» nach. Und der Taxichauffeur in Hammamet verwechselt das Schweizerdeutsch mit dem Holländischen.

 

Vor ein paar Wochen soll eine Gruppe der radikal-islamischen Salafisten einen Touristenbus umzingelt haben, ohne dass dabei etwas passiert ist. Das erzählen Einheimische in Sousse. Und am 24. Februar hatten rund 200 mit Schwertern, Stöcken und Brandbomben ausgerüstete Demonstranten in der Stadt Jandouba weit weg von den Touristenzentren ein Polizeigebäude in Brand gesetzt. Das sind zweifellos Einzelfälle. Tatsache ist, dass die Salafisten in Tunesien nur eine kleine Minderheit bilden. Zudem ist in der tunesischen Gazette «La Presse» zu lesen, dass der einflussreiche Rached Ghannouchi die Regeln der Scharia nicht in die Verfassung aufnehmen will. Ghannouchi ist der geistige Vater und Parteichef der moderaten Islamistenpartei Ennahdha, welche die Wahlen am 23. Oktober 2011 mit einem Wähleranteil von 43 Prozent gewinnen konnte. Auch Rached Ghannouchi wolle den Tourismus fördern, sagt Tourismusminister Elyes Fakhfakh.

 

Mehr Arbeitslose, weniger Sicherheit im Strassenverkehr, mehr Chaos, mehr Dreck – die Revolution habe bisher gar nichts gebracht, meint der Bieler Hans-Rudolf Kohler. Der knapp 60-jährige Frührentner lebt seit 12 Jahren in Tunesien. Von 2000 bis 2009 war der Reiseprofi Area Manager North Africa von Hotelplan mit Sitz in Sousse. Der Service im Tourismussektor lasse zwar bisweilen zu wünschen übrig. Doch Touristen hätten nichts zu befürchten. «Ich habe mich in all den Monaten nicht eine Sekunde unwohl oder unsicher gefühlt», sagt Kohler.

 

Die vom Tourismusbüro geladenen Medienleute können sich hingegen punkto Service nicht beklagen. Kein Wunder, lässt man sie doch in den nobelsten Herbergen absteigen, so etwa im Mövenpick in Sousse oder im Hasdrubal in Yasmine Hammamet, eine riesige Anlage mit 211 Suiten, darunter die angeblich grösste Suite der Welt, in welcher nicht nur der libysche Machthaber Ghadhafi, sondern auch der Tessiner Financier Tito Tettamanti abgestiegen sein sollen. Doch weil die Touristen nach wie vor zurückhaltend sind, haben die Tour Operators die Preise extrem gedrückt, so dass auch Luxushotels mit all ihren Thalassotherapieangeboten erschwinglich werden – vom günstigen Wechselkurs nicht zu sprechen. Kuoni-Sprecher Peter Brun: «Punkto Preis-Leistungs-Verhältnis war Tunesien wohl noch nie so günstig wie heute.»

 

Erschienen in der BZ am 5. April 2012

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Claude Chatelain