Sechs Wochen Ferien für alle ist überrissen

Arbeitnehmer in der Schweiz haben heute einen gesetzlichen Ferienanspruch von vier Wochen. Am 11. März wird das Schweizervolk darüber befinden, ob dieser Anspruch gleich um 50 Prozent auf sechs Wochen erhöht werden soll, wie das die Volksinitiative «6 Wochen Ferien für alle» vom Gewerkschaftsdachverband Travailsuisse verlangt.

Warum gerade sechs Wochen? Warum nicht eine sanfte Erhöhung von vier auf fünf Wochen Ferien? Travailsuisse rechtfertigt den um 50 Prozent höheren Ferienanspruch mit dem Argument, dass schon heute viele Arbeitnehmende einen vertraglichen Anspruch auf fünf Wochen Ferien hätten. In der Tat erhalten die Beschäftigten im Gastgewerbe, in der Bauwirtschaft, in der Druck- und der grafischen Industrie und in der Uhrenindustrie mindestens fünf Wochen Ferien.

 

Was ist mit dem womöglich nicht sehr grossen Rest, zum Beispiel im Baunebengewerbe, der eben nur vier Wochen Ferien hat? Wie viele Angestellte sich mit vier Wochen begnügen müssen, ist nicht bekannt. Bekannt ist aber, dass 90 Prozent der über 50-Jährigen schon heute mindestens fünf Wochen Ferien haben. Auch hier stellt sich die Frage: Was ist mit den restlichen 10 Prozent? Sind diese den Gewerkschaften egal?

 

Es scheint so. Mit der übertriebenen Forderung von sechs Wochen riskiert die Gewerkschaft, Schiffbruch zu erleiden. Denn wenn zum Beispiel eine Bäckerei seinen Leuten bloss vier Wochen Ferien gewährt, stecken nur selten ausbeuterische Beweggründe dahinter. Vielmehr ist eine solche Personalpolitik auf finanzielle Gründe zurückzuführen. Eine Woche mehr Ferien erhöht die Lohnsumme um 2 Prozent. Jene KMU, die eh nicht auf Rosen gebettet sind, müssten bei vorgeschriebenen sechs Wochen Ferien gleich eine 4-prozentige Lohnkostenerhöhung in Kauf nehmen, sollte die Initiative angenommen werden. Das kann nicht jeder Betrieb verkraften.

 

Die Initianten begründen ihr Ansinnen mit dem zunehmenden Stress am Arbeitsplatz. Dieses Phänomen ist in der Tat nicht wegzudiskutieren. Nur kann man mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit behaupten, dass andere Massnahmen für die Bekämpfung von Stress wirksamer sind als zusätzliche Ferienwochen, zum Beispiel ein konsequentes Einschalten von Pausen. Ausserdem behauptet Travailsuisse, mit zusätzlichen Ferienwochen liesse sich die Produktivität jedes einzelnen Mitarbeiters erhöhen. Ein interessanter Gedanke. Leider lässt er sich wissenschaftlich nicht erhärten, wie Norbert Semmer, Professor für Arbeitspsychologie an der Universität Bern, in einem Interview mit dieser Zeitung bestätigte.

 

Eine Erhöhung des gesetzlichen Ferienanspruchs von vier auf fünf Wochen hätte man mit gutem Gewissen fordern können. Leider steht dieser Vorschlag nicht zur Debatte. Zur Abstimmung kommt lediglich eine 50-prozentige Zunahme des gesetzlichen Ferienanspruchs auf sechs Wochen. Das ist überrissen.

 

Erschienen in der BZ am 16. Februar 2012

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Claude Chatelain