Die Börse zweifelt an der Einschätzung der CS-Spitze

Zur Beurteilung des Jahresergebnisses der Credit Suisse blickt man am besten auf den Tagesverlauf der Aktien: Gestern nach Börsenstart stürzte der Kurs um knapp 5 Prozent in die Tiefe. Dann holten die Händler und Aktionäre tief Luft, gingen nochmals über die Bücher, hörten CS-Chef Brady Dougan zu und gewannen das Vertrauen zurück.

Nur um später wieder die Aktien auf den Markt zu werfen. Am Schluss lag der Kurs um 3,5 Prozent tiefer als am Tag zuvor. Es war ein Auf und Ab wie auf einer Achterbahn. Wirre Ausschläge an der Börse haben fast immer die gleiche Ursache: Ratlosigkeit. Die Händler wissen nicht, wie das Ergebnis zu interpretieren ist.

 

Sicher ist einmal, dass der Gewinneinbruch um 62 Prozent deutlich stärker ausgefallen ist als von den Analysten erwartet. Sie rechneten mit einem Gewinn von gut 3 Milliarden Franken, knapp 2 Milliarden sind es gewesen. Die negative Überraschung erklärt den Kurstaucher nach Börsenbeginn.

 

Doch Aktionäre interessieren sich mehr für die Zukunft als für die Vergangenheit. Und laut Brady Dougan ist die CS gut ins neue Jahr gestartet. Das miserable vierte Quartal 2011 begründete er mit dem starken Abbau der risikogewichteten Aktiven. Gemeint sind jene Produkte und Dienstleistungen, die hohen Risiken unterworfen sind und nach neusten Rechnungslegungsvorschriften mit mehr Eigenkapital unterlegt werden müssen. Mit so viel Eigenkapital, dass sich der Einsatz solcher Finanzinstrumente nicht mehr lohnt. Brady Dougan hat den Verkauf dieser Kapitalien trotz des schlechten Marktumfeldes forciert und damit tiefere Erlöse in Kauf genommen. Der Abbau soll schon Ende März statt erst Ende 2012 abgeschlossen sein.

 

Nach Angaben von Brady Dougan steht den Mitbewerbern diese Übung noch bevor. Wenn sich die Nachfrage nach solchen risikobehafteten Produkten weiter verschlechtert, werden auch die anderen Banken beim Ausmisten ihrer risikobehafteten Kapitalien mit tiefen Preisen vorliebnehmen müssen. Die Credit Suisse könnte dann durchstarten, weil sie die Schrumpfkur schneller durchgezogen hat. So ungefähr skizzierte der CS-Konzernchef gestern seine Einschätzung.

 

Händler und Aktionäre mögen aber nicht so recht an Brady Dougan glauben. Die Aktienbörse quittiert Optimismus und Zuversicht erfahrungsgemäss nicht mit nervösen Kursausschlägen.

 

Erschienen in der BZ am 10. Februar 2012

Claude Chatelain