Hat Raiffeisen die Bodenhaftung verloren?

Pierin Vincenz - der starke Mann bei Raiffeisen.
Pierin Vincenz - der starke Mann bei Raiffeisen.

Mit der Übernahme von Kundenvermögen der Privatbank Wegelin wird die Raiffeisen-Gruppe noch grösser. Der Drang nach Grösse von Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz gefällt nicht allen. Und überhaupt: Passt eine noble Privatbank zu den genossenschaftlichen Raiffeisen-Banken? 

 

In der Debatte zur Grossbankenregulierung stand auch die Frage im Raum, ob neben der UBS und der Credit Suisse nicht auch die Raiffeisen-Gruppe «too big to fail» sei. Mit dem Kauf des Schweizer Geschäfts der St. Galler Privatbank Wegelin stellt sich die Frage mehr denn je. 

 

Wegelin statt Sarasin

 

Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz wollte sich schon bei der Bank Sarasin beteiligen. Nun ist er «wie die Jungfrau zum Kind» zum Grossteil des Geschäfts der Bank Wegelin gekommen, wie es die NZZ formuliert. Das wirft die Frage auf, ob noble Vermögensverwaltungsbanken zur bodenständigen Raiffeisen-Gruppe passen. Paul Luder, Geschäftsleiter der Raiffeisenbank Gürbe, beurteilt die jüngste Entwicklung positiv. Obschon sich für die fünf Filialen der Raiffeisen-Bank Gürbe aufgrund ihrer Kundenstruktur kaum etwas ändern dürfte, sei das gut für die gesamte Gruppe. «Wir können die Abhängigkeit vom Zinsengeschäft abbauen», meint Luder. Ein Problem der Kultur sieht Luder nicht. Schon heute würden innerhalb der Raiffeisen-Gruppe unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen, wenn man ländliche Genossenschaften mit Niederlassungen und Geschäftsstellen in Zürich und Genf vergleiche.

 

«Mehrheitlich positiv»

 

Zu Raiffeisen Schweiz gehören 339 selbstständig und genossenschaftlich organisierte Raiffeisen-Banken in über 1100 Orten. An einer Sitzung von neun Regionalverbandspräsidenten sei der Entscheid «mehrheitlich positiv aufgenommen worden», erklärt Peter Hunziker, Präsident des Berner Verbands der Raiffeisen-Banken (BVRB). Der Kauf von Wegelin entspreche der schon länger eingeschlagenen Strategie, mit der Vermögensverwaltung ein weiteres Standbein aufzubauen. Aus eigener Kraft sei das nicht möglich gewesen, so Peter Hunziker, der auch die Raiffeisenbank Worblen-Emmental präsidiert.

Hans Geiger hält nichts von Universalbanken.
Hans Geiger hält nichts von Universalbanken.

Diese Strategie macht für den Zürcher Bankenprofessor Hans Geiger wenig Sinn. «Ich glaube nicht an das Modell der Universalbank. Ich glaube an die Spezialbanken», sagt der Bankenprofessor aus Zürich. «Raiffeisen sind die erfolgreichsten Retailbanken der Schweiz», sagt Geiger. «Sie sind sehr stark im Hypothekargeschäft.» Kommt hinzu, dass die Notenstein Privatbank, wie der von Wegelin übernommene Bereich getauft wurde, als separate Einheit geführt wird. Synergien mit dem Kleinkundengeschäft seien daher keine zu erwarten.

 

Vincenz – der Grossbanker

 

Noble Privatbanken passen womöglich nicht zur Genossenschaftskultur von Raiffeisen, sie passen aber sehr wohl zum Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz. Sein Hang zur Grösse und zum Pomp ist legendär. Er scheute sich nicht, einen Helikopter zu mieten, um Termine wahrzunehmen. Auch sein Lohn von rund 2 Millionen Franken war schon Thema und passt schlecht zur Bank des kleinen Mannes. «Raiffeisen hat die Bodenhaftung verloren», titelte «Die Südostschweiz» schon im Mai 2009. Sarkastisch meint Bruno Krebs, ehemaliger Direktor der Credit Suisse in Bern: «Es fehlt nur noch das Investmentbanking.» «Es muss schon aufhorchen lassen», schreibt Hans-Jacob Heitz aus Männedorf in einem Leserbrief, «wenn die Raiffeisen-Bank immer häufiger in die Schlagzeilen kommt: die Übernahmeabsicht (…) von Sarasin, das verlustreiche Engagement bei der chinesischen Holzfirma Sino-Forest sowie der familiäre Filz der Familie von Raiffeisen-Bank-Chef Pierin Vincenz. Was ist nur in ihn gefahren?» Heitz hat sich schweizweit als Verfechter von Aktionärsrechten einen Namen gemacht.

 

Genossenschafter haften

 

Heute zählt Raiffeisen 3,5 Millionen Kunden. Davon sind über 1,7 Millionen Genossenschafter und somit Mitbesitzer ihrer Raiffeisen-Bank, steht auf der Homepage von Raiffeisen Schweiz zu lesen. Ebenfalls aufgelistet sind dort die Vorteile eines Genossenschafters. Dazu zählen Zins- und Spesenvorteile, Gratismuseumspass, Skitageskarten zum halben Preis, Konzerttickets «mit attraktiven Vorteilen». Weniger attraktiv ist, was auf einem anderen Blatt geschrieben steht: Die Mitglieder sind nämlich verpflichtet, Nachschüsse bis 8000 Franken zu leisten, sofern das Genossenschaftskapital nicht mehr gedeckt ist. Dass in der über 100-jährigen Geschichte von Raiffeisen bisher kein einziger Genossenschafter zu Schaden gekommen ist, bleibt ein schwacher Trost. Oder wer hätte vor fünf Jahren gedacht, dass die UBS durch den Steuerzahler gerettet werden muss?

 

Erschienen in der BZ am 1. Februar 2012

Claude Chatelain