Fall Wegelin: "Die Geduld der USA wird arg strapaziert"

Persönlichkeiten von Oswald Grübel über Walter Kielholz, Patrick Odier, Konrad Hummler bis hin zu zwei Bundesrätinnen äussern sich zum Fall Wegelin.

Amerikanische Gesetze gelten offensichtlich nicht nur in den USA, sondern auch in der Schweiz. Das hat die 1741 gegründete St. Galler Privatbank Wegelin schmerzlich zu spüren bekommen. Sie musste ihre Segel streichen. Doch die hiesige Kritik gilt nicht der Hegemonialpolitik der Amerikaner, sondern der Bank Wegelin. «Die Strategie, aggressiv amerikanische Offshorekunden von der UBS zu übernehmen, hat sich als höchst unvorsichtig erwiesen», erklärt Walter Kielholz in der «SonntagsZeitung». Kielholz ist Präsident von Swiss Re und Verwaltungsrat bei der CS. Wieweit aber «seine» Credit Suisse vorsichtig genug war, muss sich erst noch weisen. Denn neben der Wegelin & Co. ist auch die CS, die Bank Julis Bär, die Zürcher und Basler Kantonalbank sowie Schweizer Ableger israelischer Banken ins Visier der amerikanischen Justiz geraten.

 

Grübel kritisiert Finma

 

Auch CVP-Bundesrätin Doris Leuthard kritisiert die Schweizer Banken: «Man muss auch aus Schweizer Sicht anerkennen, dass die Banken in den USA Fehler gemacht haben», sagte die Verkehrsministerin dem «Sonntag». Und Oswald Grübel, der ehemalige Chef der UBS, kritisiert die Finanzmarktaufsicht (Finma), welche «den Ernst der Lage nicht frühzeitig erkannt» habe. Grübel war der Finma schon in der Debatte zur Grossbankenregulierung «Too big to fail» nicht wohlgesinnt. Martin Janssen, Finanzprofessor an der Uni Zürich, kritisiert ebenfalls die Behörde: «Der Bund hat aus Angst versagt.» Und: «Die USA werden nicht Zurückhaltung üben, jetzt, wo sie gesehen haben, dass Schwatzen ausreicht», sagte der Bankenprofessor gestern Abend in der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens. Genau das denkt auch Oswald Grübel: «Das Ende der Bank Wegelin ist der Auftakt zu einem gross angelegten Angriff auf den Schweizer Finanzplatz», sagte er dem «Sonntag». Der Druck auf die anderen angeschuldigten Banken werde nach der Kapitulation der St. Galler Privatbank erst recht steigen. Damit das nicht passiert, «müssen wir mit den USA sehr schnell zu einer Lösung kommen», meinte Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf am Rand des WEF zur «NZZ am Sonntag». Das Gleiche verlangt Martin Naville, Chef der Handelskammer Schweiz-USA: «Es muss noch dieses Jahr eine Lösung auf den Tisch, sonst wird die Geduld der USA arg strapaziert.» «Eine rasche Lösung» fordert auch Patrick Odier, der Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung, gegenüber «Cash online». Für ihn ist die jüngste Entwicklung ein Zeichen, «dass die Politik und die Finanzbranche jetzt noch mehr zusammenstehen und eine rasche Lösung mit den USA finden müssen. Sonst gibt das noch lange Probleme.» Nach anfänglichem Schweigen meldete sich übers Wochenende auch Konrad Hummler zu Wort: «Es ist bitter, aber richtig», kommentiert der Wegelin-Chef den Verkauf seiner Bank.

 

Was ist mit Raiffeisen?

 

Und was ist mit der Raiffeisenbank, der gemäss Bilanzsumme drittgrössten Bankengruppe der Schweiz? Ist es klug, dass eine genossenschaftlich organisierte Bankengruppe, die schweizerischer kaum sein kann, Teile der Bank Wegelin übernimmt? Zeugt es von Verantwortungsbewusstsein, wenn ein derart wichtiger Player des Schweizer Kreditmarktes das Risiko eingeht, in die Fänge der amerikanischen Justiz zu geraten? Darüber war übers Wochenende wenig zu lesen. Laut der NZZ-Samstagsausgabe bleibt «unklar», ob Raiffeisen vor amerikanischen Vorstössen sicher sei. An der Spitze der Notenstein Privatbank, wie der von Raiffeisen gekaufte Bereich der Privatbank Wegelin heisst, steht Adrian Künzi, ein unbeschränkt haftender Partner der Wegelin & Co.

 

Erschienen in der BZ am 30. Januar 2012

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Claude Chatelain