Vierte Säule: So verbilligt Bern die Prämien

Liebe Leser, diese Geschichte müssen Sie unbedingt lesen. Leider ist sie wahr.

Ein Kollege bat mich ziemlich entsetzt um Rat. Seine Frau hat vom kantonalen Amt für Sozialversicherung und Stiftungsaufsicht Post erhalten. Sie kommt in den Genuss einer Verbilligung der Krankenkassenprämie. Ziemlich entsetzt ist mein Kollege deshalb, weil er und seine Frau insgesamt um die 12'000 Franken monatlich verdienen.

 

Streng genommen ist es gar nicht seine Frau, sondern seine Lebenspartnerin. Der Kollege gehört also zu jener nicht ganz seltenen Spezies, die mit der Mutter seiner Kinder zwar zusammenlebt, aber nicht verheiratet ist. Mit der Geburt des zweiten gemeinsamen Kindes konnte nun die Frau in der Steuererklärung zusätzliche Kinderabzüge vornehmen, sodass sie beim massgebenden Einkommen unter die Schwelle von 34'000 Franken gefallen ist. «Möchten Sie auf die Prämienverbilligung verzichten, teilen Sie uns dies bitte telefonisch oder schriftlich mit», schreibt das zuständige Amt auf einem Informationsblatt. «Soll ich auf diese Verbilligung verzichten?», fragt mich der Kollege. Er hat ein schlechtes Gewissen, bei einem gemeinsamen Einkommen von rund 12'000 Franken in den Genuss verbilligter Prämien zu kommen. Schön, dass es noch Leute gibt, die Skrupel haben. Was mich betrifft, so hätte ich keine Skrupel und würde auf die Prämienverbilligung nicht verzichten, die in seinem Fall knapp 100 Franken pro Monat ausmachen.

 

Wenn der Gesetzgeber solch idiotische Gesetze schreibt, soll er dafür bestraft werden. «An deiner Stelle», so sagte ich ihm, «würde ich mir mit den ersparten Prämienfranken alle zwei Monate ein gepflegtes Candle-Light-Dinner mit der Partnerin leisten.» Sogar das Diskussionsthema habe ich ihm vorgeschlagen: «Heiraten?bJa oder nein?» Freuen über solche (Fehl-) Entwicklung können sich die Restaurateure der Bundesstadt. Ob sie sich wohl bewusst sind, dass sie indirekt von der Prämienverbilligung profitieren?

 

Erschienen in der BZ am 24. Januar 2012

Claude Chatelain