Brillanter Kopf, hervorragender Analytiker – aber von Gier getrieben

Roland Schaer.
Roland Schaer.

Für viele liegt das Unheil der KPT nicht beim abgehalfterten Verwaltungsrat, sondern beim früheren Chef: bei Professor Roland Schaer.  

Der Verwaltungsrat der KPT ist von der Finanzmarktaufsicht Finma suspendiert und zum Teil mit einem Berufsverbot belegt worden. Das löste in der Leserschaft heftige Reaktionen aus – auch aus dem Kreis ehemaliger KPT-Mitarbeiter. Viele davon bedauern, dass die Untersuchungen der Finma nicht auch die Ära Schaer umfasste. «Was meines Erachtens fehlt, ist die Nennung des Hauptverantwortlichen für diese unappetitlichen Dinge: Roland Schaer hat dieses Programm seinerzeit kreiert, als er noch VR-Präsident war», schreibt der pensionierte Versicherungsfachmann Hansueli Reiter.

 

Bosch kritisiert Schaer

 

Schaer ist der Vorgänger des abgetretenen KPT-Präsidenten Walter Bosch, dem die Finma ein Berufsverbot auferlegte. Bosch erklärte im «Bund», es sei bereits unter seinem Vorgänger Roland Schaer die Praxis gewesen, das Gesamthonorar der Verwaltungsräte aufzuteilen: in das normale Honorar und den leistungsabhängig via Mandatsvertrag ausbezahlten Teil. Und ein ehemaliges Kadermitglied der KPT schreibt: «Schaer war der geistige Vater des Aktiendeals.» Mit «Aktiendeal» ist das Aktienmitarbeiterprogramm gemeint, welches im Zentrum der Finma-Untersuchung stand. Bei diesem Programm hat der Verwaltungsrat bei der Festsetzung des Rückkaufpreises laut Finma die Sorgfalts- und Treuepflichten verletzt. Schaer war freilich bei der Festsetzung des Rücknahmepreises und bei den Fusionsverhandlungen mit der Sanitas nicht mehr im Amt. Im Amt war Roland Schaer jedoch 2006, als die KPT mit der Krankenkasse Concordia fusionieren wollte. Auch diese Fusion scheiterte angeblich wegen des berüchtigten Aktienmitarbeiterprogramms.

 

Brillanter Kopf

 

Wer ist Roland Schaer? Seine Weggefährten sind sich einig: ein brillanter Kopf; ein hervorragender Analytiker, aber leider von einer extremen monetären Gier getrieben. Schär präsidierte den KPT-Verwaltungsrat von 1999 bis 2009. «Diagnose Abkassierer» betitelte der «SonntagsBlick» ein wenig schmeichelhaftes Porträt über «Professor Dr. Roland Schaer», wie sich der KPT-Chef angeblich zu bezeichnen pflegte. Kurz nach seinem Amtsantritt stellte Schaer Direktor Walter Kohler auf die Strasse und führte darauf den Krankenversicherungsbetrieb gleich selber – und zwar mit einem Beratungsmandat.

 

Nach Recherchen des «SonntagsBlicks» kam Schär mit seinem Fixum als VR-Präsident und den Beratungshonoraren als CEO auf ein Jahresgehalt von 520 000 Franken – und das für einen 50-Prozent-Job. Boni nicht inbegriffen. Er war also der mit Abstand bestverdienende Kassenmanager, obwohl die KPT bei weitem nicht zu den grössten Kassen gehört. Zudem soll sein abrupter Abgang im Frühling 2009 «mit mehr als zwei Millionen Franken versüsst worden sein», schrieb die Zeitung am 21. November 2010. Roland Schaer bestreitet dies. Nach seinen Angaben war die Entschädigung unabhängig von der Anzahl aufgewendeter Stunden auf 450 000 Franken begrenzt. Zudem habe die KPT unter seiner Führung dreimal den «Innovationspreis der Schweizer Assekuranz» gewonnen.

 

An Swisscom verkauft

 

Und dann war da jene Geschichte mit E4Life, um welche sich zahlreiche Gerüchte ranken. Dies ist eine von Schaer gegründete Internetplattform, deren Aufbau er mit Prämiengeldern finanzierte und dann für gutes Geld der Swisscom verkaufte. An dieser AG mussten sich Geschäftsleitungsmitglieder der KPT beteiligen. Wer genau beim Verkauf Kasse machte, ist nicht klar. Laut «SonntagsBlick» zahlte die Swisscom einer Firma von Schaer 15 Rappen pro Versicherten oder 45'000 Franken pro Jahr für die Nutzung seiner Datenbank.

 

Schon vor seiner Zeit bei der KPT war Professor Schaer, der an der Universität Bern über Privatversicherungsrecht dozierte, kein unbeschriebenes Blatt. 1994 wechselte der im Liebefeld bei Bern aufgewachsene Jurist von der Mobiliar zur Baloise, wo er zuerst eine Auslanddivision zu sanieren hatte. Als dieser Job erfolgreich abgeschlossen war, wurde Roland Schaer zum Chef Schweiz ernannt. In dieser Funktion war er Vorgesetzter von Urs Berger, der später Direktor der Mobiliar wurde und jetzt den Mobi-Verwaltungsrat präsidiert. Kein Wunder, dass Schaer später als KPT-Präsident Urs Berger in «seinen» Verwaltungsrat holte. Aus diesem Gremium schied Berger im Sommer 2010 aus, als die unrühmlichen Machenschaften des KPT-Verwaltungsrates ans Tageslicht traten.

 

1999 wurde Roland Schaer bei der Basler gefeuert, obwohl er einen hervorragenden Leistungsausweis vorzuweisen vermochte. Mit seiner sozialen Kompetenz stand es jedoch nicht zum Besten. In Ungnade fiel Schaer, nachdem sich ein enger Mitarbeiter im Büro erschossen hatte. Obschon man Schaer für diesen Selbstmord kaum verantwortlich machen konnte, blieb ein schaler Nachgeschmack hängen. Nach dem Abgang von Schaer schrieb die «Basler Zeitung» am 11. März 1999: Schaer habe während sechs Jahren «fantastische Arbeit» geleistet. Er habe die Ertragslage mehr als nur ins Lot gebracht. Und weiter schreibt die «Basler Zeitung»: «Das hat gekostet. Gute Leute. Manager sind gegangen über die Jahre unter Schaers eiserner Fuchtel, so wird gesagt. Er wurde geholt, um das Geschäft Schweiz auf Vordermann zu bringen — Schaer habe es geschafft. Die Resultate sind eindeutig, die angewandten Methoden mindestens fragwürdig.»

 

Bodycheck auf dem Teppich

 

Laut BaZ soll Schaer die Managementetage mit dem Eisfeld verwechselt haben. «Es gab Bodychecks, Leute wurden an die Banden respektive an die Bürowand gedrängt, und tags darauf wurde wieder kräftig auf die Schulter geklopft. Ein emotionelles Hüst und Hott.» Nicht jeder habe das vertragen, manchen sei es schlecht bekommen. Schaers Faszination fürs Eishockey ist auch in der Bundesstadt bekannt. Der Jurist war Präsident des Stadtberner Traditionsvereins EHC Rot-Blau. Kaum im Amt bei der in Bern domizilierten Krankenkasse KPT, kündigte Schaer den Sponsoringvertrag mit Swiss-Ski und liess das KPT-Logo auf den Eishockeyhosen der ZSC-Lions prangen. Sportchef bei den Zürchern war zu jener Zeit der frühere Langnau-Spieler und Nationaltrainer Simon Schenk. Er wurde sogleich von Schaer in den Verwaltungsrat geholt. Erst jetzt hat Schaer-Schützling Schenk das lukrative Verwaltungsratsmandat niedergelegt. Der ehemalige SVP-Nationalrat wurde von der Finma – um in der Sprache des Eishockeys zu bleiben – auf die Strafbank beordert. Seine ersten beruflichen Erfahrungen sammelte Schaer bei der Berner Versicherung, die inzwischen in die Allianz Suisse aufgegangen ist. Später leitete der Jurist bei der Mobiliar den Schadensdienst, ehe er zur Basler wechselte.

 

Auch Schaer im Visier?

 

Nun hat also die Finma die Untersuchungen zum Aktiendeal abgeschlossen und eine Strafanzeige wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung eingereicht. Gut möglich, dass auch die Rolle von Roland Schaer unter die Lupe genommen wird. Der Jurist dürfte den Abklärungen gelassen entgegenblicken. Seine Dissertation trägt den Titel: «Rechtsfolgen der Verletzung versicherungsrechtlicher Obliegenheiten»

 

Erschienen in der BZ am 14. Januar 2012

Claude Chatelain