Nur eine Minderheit ist am Zocken

Was machen eigentlich die beiden Grossbanken in den USA? Eine Serie in drei Teilen. Heute: dritter und letzter Teil. Die UBS betreibt in den USA nicht bloss das Investmentbanking.

Nach einer landläufigen Meinung verzockt die UBS in den Vereinigten Staaten Milliarden von Dollar, spekuliert mit hochkomplexen Finanzinstrumenten und beschert der Schweiz nur Probleme. Kurz:  Sie betreibt dort das Investmentbanking. Dieser Eindruck ist falsch. Die UBS betreibt in den USA noch ganz andere Geschäfte. Von den 22 000 UBS-Mitarbeitern ist nur eine Minderheit im Investmentbanking tätig. 16300 Leute verdienen ihr Geld im Wealth Management Americas. Das sind immerhin 74 Prozent der US-amerikanischen Belegschaft.

 

«Bester Anbieter der USA»

 

Wealth Management wird andernorts als Private Banking bezeichnet. In diesem Geschäftsbereich werden vermögende Leute beraten. «Unsere Vision besteht darin, der beste Wealth-Management-Anbieter in Amerika zu sein», steht im Geschäftsbericht zu lesen. Gerne hätte sich diese Zeitung vor Ort erklären lassen, wie dieses hohe Ziel erreicht werden soll. Ein Besuch am Sitz in Weehawken im Bundesstaat New Jersey liess sich nicht arrangieren. Immerhin zeigte die UBS ihren Stolz in Stamford, den weltweit grössten Handelsraum (Ausgabe vom Samstag). Womöglich fehlt es beim Wealth Management Americas an Erfolgstorys, sodass man lieber nicht gross darüber spricht.

 

Die Hälfte in den USA

 

Die Hälfte der weltweiten Vermögen von 1400 Milliarden Franken werden vom Wealth Management Americas verwaltet. Doch mit der Grösse ist es nicht getan. Wichtiger ist der Profit. Und hier vermag die riesige Abteilung nicht zu brillieren: 2010 schrieb das Wealth Management Americas einen Vorsteuerverlust von 130 Millionen Franken; 2009 gabs eine schwarze Null und 2008 einen Verlust von 823 Millionen. Dies im krassen Unterschied zum übrigen Wealth Management ausserhalb der USA, welches in den drei Jahren mit gleich viel Vermögen jeweils über 2 Milliarden Gewinn erzielte. Betreut wird die betuchte US-Kundschaft in 330 Niederlassungen von knapp 7000 Finanzberatern. Diese hohe Präsenz geht im Wesentlichen auf die Übernahme des traditionsreichen Brokerhauses Paine Webber im Sommer 2000 zurück. Die Filialen tragen alle den Namen UBS.

 

«Sehr guter Ruf»

 

Warum UBS? Welches ist die Stärke der Schweizer Grossbank? «Schweizer Banken geniessen in den USA nach wie vor einen sehr guten Ruf», erklärt ein Sprecher der UBS, der nicht zitiert werden darf. Und bei der UBS sei der grösste Trumpf das weltweite Research, also all die Analysen über Märkte, Länder, Branchen und Firmen. Wäre es nicht besser und vor allem einfacher gewesen, mit dem traditionellen, fest

Ruedi Millisits
Ruedi Millisits

verankerten, 123 Jahre alten Namen Paine Webber zu kutschieren? Da sich von der UBS dazu niemand zitieren lässt, sei diese Frage Ruedi Millisits gestellt. Er wohnt seit 23 Jahren in den USA und managt dort den «Swiss Helvetia Fund» der Schweizer Privatbank Hottinger, einem an der New Yorker Börse kotierten Anlagefonds. In seinem New Yorker Büro im Gebäude der Radio City Hall – übrigens gleich gegenüber dem UBS-Hauptsitz – hat Millisits für den Namenswechsel nur ein Kopfschütteln übrig. «Viele Amerikaner verwechseln UBS mit UPS», erklärt der Portfoliomanager. «Ich kann nicht verstehen, weshalb der legendäre Name Paine Webber des 1880 in Boston gegründeten Instituts fallen gelassen wurde.»

  

Die Skepsis des Bankenkenners ist wohl begründet. Schliesslich bezahlte die UBS für Paine Webber einen stolzen Preis von 18 Milliarden Franken und begründete dies ausgerechnet mit dem hohen Wert der Marke Pane Webber. Warum bezahlt man für eine wertvolle Marke, nur um sie wenig später durch eine unbekannte Marke zu ersetzen? Schliesslich stellt sich die Frage, warum der vermögende Amerikaner sein Geld ausgerechnet einer Bank anvertraut, die ohne staatliche Hilfe pleitegegangen wäre. Nun, das scheint Uncle Sam kaum zu stören, denn die amerkanischen Geldhäuser mussten ebenfalls gerettet werden. «Was, ihr seid auch reingerasselt?» lautet etwa der Kommentar, wie ein Kundenberater zu erzählen weiss. Denn etwas anderes stört die zum Teil puritanisch angehauchten Amerikaner deutlich mehr: die unschönen Geschichten rund um Beihilfen zur Steuerhinterziehung. Dies ist für Uncle Sam schlimmer als das Verzocken von Milliarden bei gleichzeitigem Absahnen von Millionenboni.

 

Erschienen in der BZ am 10. Januar 2012

Claude Chatelain