Im Epizentrum des Beinahe-Kollapses

Der weltweit grösste Handelsraum: UBS in Stamford
Der weltweit grösste Handelsraum: UBS in Stamford

Was machen eigentlich Credit Suisse und UBS in den USA? Eine Serie in drei Teilen. Heute: Nirgends wird Bedeutung und Grösse der UBS so augenfällig wie in Stamford, im US-Staat Connecticut.

 

Die drei Buchstaben UBS sind von weit sichtbar. «Hier sind wir. Und wir sind wer», scheint die Schweizer Grossbank sagen zu wollen. Der Wolkenkratzer steht in Manhattan an der 1285 Avenue of the Americas, an nobelster Lage gegenüber der Radio City Hall und unterirdisch mit dem weltberühmten Rockefeller Center verbunden. Nichts deutet beim Anblick des fantastischen Gebäudes darauf hin, dass die mächtige Grossbank am Rande des Abgrunds stand und nur dank einer beherzten Rettungsaktion der kleinen Eidgenossenschaft gerettet werden konnte.

Auch die nackten Zahlen offenbaren die wahre Grösse der UBS: Allein in den USA beschäftigt die grösste Schweizer Bank 22 000 Leute. In der Schweiz sind es mit 23 600 nur unwesentlich mehr. Weltweit zählt die UBS 66 000 Vollzeitstellen. Stark vereinfacht: Jeder dritte UBS-Mitarbeiter ist Amerikaner. Vor dem Kollaps von Lehman Brothers standen bei der UBS in den Vereinigten Staaten auch schon mal 30 000 Menschen auf der Lohnliste. Stolze Firmen möchten sich vor Journalisten präsentieren. Nicht so die UBS: Die Medienabteilung in New York, die sich von Zürich nichts sagen lässt, machte sich kostbar. Der Flug war schon längst gebucht, als schliesslich nach wiederholtem Nachhaken das Okay kam, dass der Besucher aus der Schweiz empfangen werden könne. Doch der «Head of Media Relations» will seinen Namen trotz der vornehmen Berufsbezeichnung nicht in der Zeitung lesen. «Alle Gespräche sind ‹off the record›», sagt er gleich nach der Begrüssung. Kein Wort sagt er an diesem für Ende November extrem warmen Nachmittag häufiger als «off the record». Immerhin nimmt sich der UBS-Mann einen Nachmittag Zeit, um den Reporter im Zug nach Stamford zu begleiten.

 

Nirgends wird Bedeutung und Gigantismus der Schweizer Grossbank so deutlich wie in Stamford im US-Staat Connecticut, eine knappe Zugstunde nördlich von Manhattan. Dort befindet sich der Trading Room. Es ist der grösste in den Vereinigten Staaten. Gemäss dem Rekordbuch von Guinness ist er sogar der grösste weltweit. So etwas wie der Petersdom der Händlerzunft. Die Halle ist eine Sehenswürdigkeit – auch für einen, der schon manchen Handelsraum gesehen hat. 9569 Quadratmeter gross ist er. Die Fläche entspricht der Grösse zweier Felder des American Football und ist damit nur unwesentlich kleiner als ein Fussballfeld europäischer Prägung. Würde man Tische und Stühle entfernen, grüne Netze spannen und den Boden mit Sand bedecken, könnte man vom Balkon aus 26 Tennispartien beklatschen.

 

Die Halle in Stamford von der Grösse eines Jumbohangars erhöht dem Schweizer Steuerzahler den Adrenalinspiegel – nicht nur wegen der gigantischen Ausmasse: Hier arbeiten nämlich die Investmentbanker. Hier liegt das Epizentrum des Beinahekollapses der UBS. Hier sind sie also leibhaftig zu sehen, all die Händler mit ihren hohen Boni, die die UBS an den Rand des Ruins brachten und somit den Sturz von Marcel Ospel verursachten. Ausgerechnet Marcel Ospel, denn die Monsteranlage trägt seine Handschrift. 1997 wurde sie von der Swiss Bank Corporation erbaut, des von Ospel stark gepushten US-Arms des Schweizerischen Bankvereins. Die Fusion mit der Bankgesellschaft zur UBS erfolgte ein Jahr später.

 

Wo sitzen oder sassen jene Händler, die in einem einzigen Jahr 35 Milliarden Dollar versenkten? Diese Frage wird nicht einmal «off the record» beantwortet. Statt mit Mitarbeitern, welche mit dubiosen Papieren zocken, darf man immerhin mit einem Devisenhändler sprechen – und erst noch mit einem aus der Schweiz. «In English, please», meint der Begleiter von der Medienabteilung. So etwa dürfte sich die Medienarbeit in der ehemaligen Sowjetunion angefühlt haben. Immerhin darf der Devisenhändler sagen, dass seine Abteilung im laufenden Jahr nur gerade zweimal mit einem Tagesverlust abgeschlossen hat. Er sagt dies selbstverständlich «off the record». Weltweit werden pro Tag Devisen im Wert von rund 4 Billionen Franken gehandelt, ein grosser Teil davon in der riesigen Halle. Mit dem Marktanteil von 15 Prozent gehört die UBS zusammen mit der Deutschen Bank und Barclays zu den ganz Grossen.

 

Die Händler in dieser Halle tätigen pro Tag im Schnitt 1 689 000 Transaktionen. Das sagte nicht der Sprecher. Das steht in einem offiziellen Papier. Sonst dürfte man das nämlich nicht sagen. Betrachtet man die Handelsaktivität über einen längeren Zeitraum, so übersteigen die Verluste die Gewinne. Auch das ist offiziell und in den Geschäftsberichten nachzurechnen: Seit dem Platzen der Technologieblase Anfang Jahrhundert hat die UBS im Investmentbanking einen kumulierten Verlust von rund 30 Milliarden Franken erlitten, hat die NZZ ausgerechnet.

 

Von Hektik ist in dieser gigantischen Halle an jenem Montag nichts zu spüren. Es ist auch ruhig. Die Händler hinterlassen den Eindruck, als würden Truthahn, Kürbis, Karotten, Süsskartoffeln, Äpfel, Nüsse und Cranberries schwer aufliegen. Kein Wunder, es ist Montag, der erste Arbeitstag nach einem langen Thanksgiving-Wochenende. Viele Arbeitsplätze sind leer. Vielleicht doch eine Folge der Finanzkrise? Weniger verschlossen sind die UBS-Leute, wenn das Thema auf die Architektur des Gebäudes driftet. Die Halle hat nämlich keine Heizung. Geheizt wird sie allein mit den rund 2000 Computern, 5000 Monitoren und 1400 Händlern. Es scheint, als dachte man in den USA schon vor 15 Jahren ökologisch. Der Energieverbrauch für die Air Condition ist jedoch nicht bekannt. Bekannt ist dagegen das Vorhandensein von acht Generatoren mit einer Leistung von je 1750 Kilowatt für den Fall eines Stromunterbruchs. Was hat eine so riesengrosse Bank aus der kleinen Schweiz in einem so grossen Land verloren? Der UBS ist es nicht gelungen, diese Frage in New York zu beantworten. Verloren hat die UBS in den Vereinigten Staaten natürlich x Milliarden Dollar. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Erschienen in der BZ am 7. Januar 2012

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Claude Chatelain