"Die CS ist schweizerischer als die UBS"

Die Credit Suisse an der Madison Avenue.
Die Credit Suisse an der Madison Avenue.

Was machen eigentlich Credit Suisse und UBS in den USA? Worin liegt der Unterschied dieser beiden Riesen? Eine Serie in drei Teilen. Heute: Die Credit Suisse.

 

Schon die Adresse der Credit Suisse in New York ist eine Geschichte für sich: 11 Madison Avenue, die offizielle Postanschrift, ist zwar noch nicht sonderlich aufregend. Doch Eleven Madison ist auch der Name des Gebäudes. So wie das Empire State Building oder der Bank of America Tower hat auch das im Stil des Art Deco errichteten Gebäude der Credit Suisse einen eigenständigen Namen – und erst noch einen originellen: Eleven Madison. Weil die Amerikaner noch ein grösseres Flair für Abkürzungen haben als die Bildungspolitiker in der Schweiz, nennen CS-Angestellte ihr 30-stöckiges Gebäude keck EMA.  

Ursprünglich war Madison Eleven das Gebäude der Metropolitan Life Insurance Company. Und das Gebäude hätte der höchste Wolkenkratzer mit 100 Stockwerken werden sollen. Doch der Börsencrash von 1929 stoppte die Ambitionen, sodass der Bau beim 30. Stockwerk eingestellt werden musste.

 

Nichts deutet aus der Ferne darauf hin, dass in diesem 138 Meter hohen Turm Börsengeschäfte getätigt werden. Zumal das historische Gebäude nicht an der Wallstreet und auch nicht im anderen Finanzdistrikt an der Avenue of the Americas steht, sondern beim Madison Park, umgeben von Läden zum Shoppen. Auf einer schlichten Messingtafel neben dem Eingang steht auf Augenhöhe «Credit Suisse». Diskret, wie sich auch in der Schweiz traditionelle Vermögensverwaltungsbanken geben.

 

Ganz anders der Auftritt der UBS: Die grösste Schweizer Bank will auch weltweit zu den grössten gehören und sich entsprechend präsentieren. Etwa mit der weltweit grössten Handelshalle in Stamford im US-Staat Connecticut. Unterschiede zwischen den beiden Schweizer Grossbanken in den USA gibt es einige: 

  • Die UBS zählt allein in den USA 22 000 Vollzeitstellen; bei der CS sind es nur etwa die Hälfte.
  • Bei der UBS arbeitet jeder dritte Angestellte in den USA; bei der CS nur jeder fünfte.
  • Bei der UBS ist das Hauptgeschäft in den USA die Betreuung reicher Kunden, das sogenannte Wealth Management; bei der CS ist es das Investmentbanking.
  • Die UBS hat durch den Kauf des Brokerhauses Paine Webber ein engmaschiges Filialnetz aufgebaut; die CS ist nur in wenigen Städten präsent.

 

«Die Credit Suisse ist schweizerischer; die UBS ist amerikanischer», meint Ruedi Millisits, der in New York den börsenkotierten «Swiss Helvetia Fund» der Schweizer Privatbank Hottinger managt. Die Aussage erstaunt, sie wird aber bestätigt, mit wem man auch spricht. Erstaunlich deshalb, weil die Credit Suisse den Schritt nach Übersee noch früher wagte als Bankgesellschaft und Bankverein, die 1998 zur UBS fusionierten. Schon 1870 eröffnete die Schweizerische Kreditanstalt (SKA), aus der die Credit Suisse hervorgangen ist, in New York ihre erste Auslandsvertretung. 1939 gründete sie, ebenfalls in New York, die Tochtergesellschaft Swiss American Corporation. Der grösste Coup erfolgte jedoch 1988 mit der Beteiligung an der First Boston Inc., die später total integriert werden sollte. First Boston ist die erste Investmentbank der USA, die sich an der Börse kotieren liess. Das war 1934. Erstaunlich ist die Swissness auch deshalb, weil mit Brady Dougan ein Amerikaner an der Spitze der Credit Suisse sitzt. Auch Verwaltungsrat und Konzernleitung sind durchaus international besetzt.

 

Wieso also kommt die Credit Suisse in New York schweizerischer daher als die UBS? Vielleicht liegt es an der schlichten Messingtafel am Eingang von Eleven Madison im Vergleich zu der grellen Leuchtschrift der UBS. Vielleicht liegt es am Namen, mit welchem die Credit Suisse zu ihren Wurzeln steht. UBS stand einst für «Union Bank of Switzerland». Von diesem Bezug zur Schweiz will die UBS schon lange nichts mehr wissen. Sie legt Wert darauf, die Marke UBS bloss noch als eine Aneinanderreihung von drei Buchstaben zu betrachten. So oder so fühlt sich der Besucher aus Bern in den Kalksteinmauern des CS-Gebäudes irgendwie heimischer als im kalten Glasturm der UBS.

 

Noch in einem anderen Punkt ist die CS anders als die UBS: Sie war eine der Ersten, die aus dem 2008 ausgebrochenen Finanzskandal sofort die Lehren gezogen hatte. Und dies, obschon sie sich weniger stark mit giftigen Wertpapieren verzockte als andere Banken und die Finanzkrise ohne öffentliche Hilfe zu bewältigen vermochte. «Die Credit Suisse war proaktiv», sagte Dougan in einem Interview mit dieser Zeitung (Ausgabe vom 11. April 2011). Die CS hat also das Geschäftsmodell im Investmentbanking sofort angepasst. 

Lara Warner
Lara Warner

Und was heisst das nun konkret für New York? Die Zahl der Händler sei zurückgefahren worden, erklärt Lara J. Warner bei einem 30-minütigen Sandwich-Lunch im 27. Stock im historischen Gebäude EMA – notabene mit atemberaubender Aussicht auf den nordöstlichen Teil Manhattans. Gleichzeitig seien die Bestände im Risikomanagement, der Rechtsabteilung und der Informatik erhöht worden. Lara Warner ist die Finanzchefin der Investmentbank in New York. Somit stellt die CS zunehmend Leute an, die kosten und kein Geld hereinbringen. Oder positiv ausgedrückt: Sie helfen zu verhindern, dass viel Geld verloren geht.

 

Beim Rundgang durch die weitläufigen Handelsräume im dritten Stock des CS-Gebäudes gibt es freilich keine verwaisten Abteilungen zu entdecken. «Well, vorher war es ein Gedränge. Jetzt haben die Händler etwas mehr Platz», erklärt eine Sprecherin. Doch die Zahl der Mitarbeiter sei eh nicht relevant. Massgebend für den Umbau im Investmentbanking sei die Höhe des eingesetzten Kapitals und noch mehr die Höhe des risikogewichteten Kapitals.

 

Und Kweko Adoboli? Ist der dunkelhäutige Zocker aus London, der die UBS um 2 Milliarden Dollar erleichterte, bei der CS in New York auch ein Thema? «Oh yes – und wie», sagt ein Sprecher. «Nein, Schadenfreude hatten wir nicht. Solche Dinge schaden der gesamten Branche», sagt er. Man habe sogleich eine interne Taskforce gebildet, um der Frage nachzugehen, inwieweit das bei der CS auch passieren könnte.

 

Während sich Grossbanker in der Schweiz darüber beklagten, die zu hohen Eigenkapitalanforderungen würden die Konkurrenzfähigkeit beschneiden, sieht man das in New York anders. «Dass die Schweiz noch strengere Auflagen macht als das internationale Regelwerk Basel III, wird von unseren Kunden honoriert», bemerkt Lara Warner. Die Schweiz habe diesbezüglich einen tollen Job gemacht. Mit wem man im ehrwürdigen Turm Eleven Madison auch redet – irgendwie spürt man bei den Leuten einen gewissen Stolz, für eine Schweizer Bank tätig zu sein.

 

Erschienen in der BZ am 5. Januar 2012

Claude Chatelain