Börsenprognosen? Fragen Sie den Affen

Affen sind treffsicherer als Analysten.
Affen sind treffsicherer als Analysten.

Nach einem verlorenen Jahrzehnt für Aktienbesitzer sind Beteiligungspapiere heute so attraktiv wie selten zuvor», schrieb die «Finanz und Wirtschaft» (FUW) vor einem Jahr. In der gleichen Beilage sagte der Chefstratege von Goldman Sachs «ein hervorragendes Aktienjahr» voraus. Solche und ähnliche Zitate liessen sich beliebig ergänzen.

Alles Geschwätz von gestern. Heute wissen wir es besser: Auch das abgelaufene Aktienjahr ist eines zum Vergessen: Der Swiss-Performance-Index (SPI), der den gesamten Schweizer Aktienmarkt spiegelt, liegt Ende 2011 um 7,7 Prozent tiefer als Anfang Jahr. Mit 5343 Punkten befindet sich damit der SPI um 4,9 Prozent unter dem Stand von Ende 2000. So viel zur These: Bei einem langfristigen Anlagehorizont von zehn Jahren seien Aktien immer interessant. Schon eher passt die Antithese von John Maynard Keynes: «Langfristig sind wir alle tot.»

 

Selbstverständlich hätte man die Aktien am 4. Juni 2007 verkaufen können. An diesem Montag erzielte der SPI mit 7761 Punkten seinen bisher höchsten Stand: 38 Prozent über dem Stand von Ende 2000. Nur hatte damals kaum jemand den Verkauf von Aktien empfohlen. Im Gegenteil: «Ein Ende der Hausse ist immer noch nicht in Sicht», schrieb die «NZZ am Sonntag» am 3. Juni 2007. Am Tag darauf war das Ende der Hausse bereits Tatsache.

 

Prognosen sind häufig das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Das gilt nicht nur für Aktien. Vor einem Jahr wurde allerhand prognostiziert, was das Jahr 2011 der Weltbevölkerung bescheren wird. Doch hat irgendein ernst zu nehmender Zukunftsforscher vorausgesagt, dass in Nordafrika die Diktatoren von Ben Ali über Mubarak bis Ghadhafi reihenweise fallen werden?

Das wirft die Frage auf, was denn solche Prognosen taugen, wenn sich die wirklich weltbewegenden Ereignisse eh nicht voraussagen lassen. Zukunftsforscher und Ökonomen rechtfertigen ihre mangelhafte Treffsicherheit mit dem Begriff «Ceteris paribus». Will heissen, die Prognose stimmt nur unter der Annahme, dass alle ausser der genannten Rahmenbedingungen gleich bleiben. Nordafrika und Fukushima zeigten im abgelaufenen Jahr, dass die Rahmenbedingungen nur selten gleich bleiben.

 

Selbstverständlich könnte man Aktienprognosen als ein Spiel betrachten. Dazu bräuchte es keine Experten. Man könnte sogar Affen mitspielen lassen, wie das immer wieder vorgemacht wird. Da sie jedoch erfahrungsgemäss nicht lesen können, lässt man die Affen mit Dartpfeilen auf eine Tafel schiessen, auf welcher die diversen Aktien abgebildet sind. In vielen Fällen wurde mit dem Zufallsprinzip nach Affenart eine höhere Trefferquote erzielt als mit den Analysemodellen der Banker.

 

Da die Auguren mehr daneben als ins Schwarze zielen, haben Prognosen für den erfahrenen Beobachter trotzdem eine gewisse Aussagekraft. Die Aktienpropheten sind nämlich für das kommende Jahr mehrheitlich skeptisch. Somit ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass 2012 ein gutes Aktienjahr werden wird. Aber auch das ist nur eine Prognose.

 

Erschienen in der BZ am 31. Dezember 2011

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Claude Chatelain