Die Greencard verliert ihren Glanz

Als Greencards noch gefragt waren: Gérard Depardieu und Andie MacDowell in der Komödie "Green Card".
Als Greencards noch gefragt waren: Gérard Depardieu und Andie MacDowell in der Komödie "Green Card".

Schweizerisch-amerikanische Doppelbürger wie auch Besitzer einer Greencard sind in den USA steuerpflichtig, wo immer sie auch wohnen. Viele Doppelbürger wollen daher ihren Pass abgeben, was gar nicht so einfach ist.


Die USA verlosen im laufenden Jahr wieder 55'000 Greencards. Die beliebten Ausweise berechtigen zu unbeschränkter Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis für die Vereinigten Staaten von Amerika. Mancher Schweizer und manche Schweizerin werden frohlocken, sollte das Losglück auf sie treffen. Der Traum vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten könnte jedoch bald zum Albtraum der grenzenlosen Ärgernisse werden.

 

Fatca – das Unwort des Jahres

  

Für Ungemach sorgen fünf Buchstaben: Fatca. Das Akronym steht für «Foreign Account Tax Compliance Act». Nach diesem Gesetz, das voraussichtlich 2013 in Kraft tritt, müssen Banken und Versicherungen alle Vermögenswerte in der Schweiz der amerikanischen Steuerbehörde IRS melden, sofern die Person in den USA steuerpflichtig und somit von Fatca betroffen ist. Und steuerpflichtig sind nach amerikanischem Recht nicht nur natürliche und juristische Personen in den USA, sondern sämtliche US-Staatsbürger, US-Doppelbürger und Besitzer einer Greencard, wo immer sie sich auch aufhalten mögen.


Greencard ist Luxus

 

Das heisst, ein in der Schweiz wohnhafter Schweizer mit einer Greencard muss sein Einkommen in den USA versteuern. Dank dem Doppelbesteuerungsabkommen zwischen der Schweiz und den USA muss er die Steuer zwar nicht zweimal bezahlen. Doch die Höhe der Steuer ist für die meisten nicht das Hauptproblem. Das Problem ist vielmehr die komplizierte elektronische Erfassung der Steuererklärung. «Ohne Hilfe eines Steuerexperten wird man kaum in der Lage sein, die Steuererklärung der USA auszufüllen», erklärt Martin Naville, CEO der schweizerisch-amerikanischen Handelskammer in Zürich. Mit der Einführung von Fatca strebt die US-Regierung die Offenlegung der Vermögenswerte von US-Steuerpflichtigen bei Finanzdienstleistern in der gesamten Welt an. Wenn nun eine Schweizer Bank, zum Beispiel eine kleine Regionalbank, diesen Forderungen aus Washington nicht nachkommt, wird sie danach mit keiner anderen Fatca-Bank geschäften dürfen. Es wird dann gewissermassen zwei Kategorien von Banken geben: Fatca- und Nicht-Fatca-Banken.

 

Anstehen beim Konsulat

 

Kein Wunder, dass mancher Doppelbürger bei solchen Aussichten gerne auf den US-Pass verzichtet. Die US-Botschaft in Bern will leider nicht verraten, wie viele Doppelbürger in den zurückliegenden zwölf Monaten den amerikanischen Pass zurückgeben wollten. Der Konsul will auch nicht verraten, wie viele Gesuche derzeit hängig sind. Martin Naville schätzt, dass pro Jahr mehr als hundert Doppelbürger in der Schweiz ihren US-Pass abgeben.

 

Lange Wartefristen

 

Ausserdem ist die Rückgabe des Passes kein einfaches Unterfangen. Amerikamüde müssen bis 18 Monate warten, ehe sie von den Fesseln der amerikanischen Staatsangehörigkeit befreit sind. Die Länge des Verfahrens begründet das Konsulat in Bern mit den arbeitsintensiven Formalitäten. Alle Formulare müssten von Hand ausgefüllt werden, nichts sei computerisiert. Zudem hat der Doppelbürger zu beweisen, dass er in den zurückliegenden Jahren schön brav eine Steuererklärung eingereicht hat. Und schliesslich scheinen die USA hier mit einem neuen Phänomen konfrontiert zu sein: Die Schweiz sei das einzige Land, in welchem Doppelbürger den Pass abgeben wollen, war beim Konsulat zu erfahren. Und überhaupt sei dies ein heikles Thema. Für Amerikaner sei es eine Schande, dass Leute nicht Amerikaner sein wollten. Vielmehr seien es sich Amerikaner gewohnt, dass die Bürger auf dieser Welt gerne amerikanische Staatsbürger werden möchten.

 

Erschienen in der BZ am 20. Dezember 2011

Claude Chatelain