"Der Euro wird nicht zerbröseln"

Für die Bank Sarasin ist die Wahrscheinlichkeit minim, dass der Euro kollabieren wird. Derweil zeichnet die «Financial Times Deutschland» Szenarien, wie ein Kollaps der Eurozone vonstatten gehen könnte.

«Was, wenn der Euro zerbricht?», fragt die «Financial Times Deutschland». «Was, wenn der Euro zerfällt?», titelt die Bank Sarasin ihren Kommentar von letzter Woche. Sarasin-Chefökonom Jan Amrit Poser vergleicht den Zerfall des Euros mit dem Einschlag eines Meteoriten. Der Anleger müsse bei einem drohenden Eurokollaps die gleichen Vorkehrungen treffen, wie «wenn ein gigantischer Meteorit die Erde treffen würde». Erstens sei die Wahrscheinlichkeit, dass dies geschieht, momentan minim. Zweitens hänge die Reaktion von dem Szenario ab, wo der Meteorit auf die Erde treffe. «Es gibt Tausende von möglichen Einflugschneisen, Tausende von denkbaren Szenarien eines Eurokollapses, welche die optimale Positionierung der Anleger grundsätzlich ändern», schreibt Poser. Die Folgen wären so gravierend, «dass kein verantwortungsvoller Politiker diesen Pfad beschreiten wird».

 

«Apokalyptisches Ausmass»

 

Die «Financial Times Deutschland» (FTD) betrachtet einen Eurokollaps ebenfalls als verheerend. Sie zitiert den polnischen Aussenminister Radoslaw Sikorski, der da sagte: «Der Bruch wäre eine Krise apokalyptischen Ausmasses.» Doch im Unterschied zur Bank Sarasin hält die «Financial Times » das Szenario nicht für unrealistisch: «Inzwischen halten die Spitzen von Regierungen und EU-Institutionen – und selbst Teile der Europäischen Zentralbank – ein abruptes Ende des grössten europäischen Projekts für möglich», schreibt die lachsfarbige Finanzpostille.

 

«Das Jüngste Gericht»

 

In einem Artikel mit dem wenig verheissungsvollen Titel «Am Tag des Jüngsten Gerichts» schreibt die FTD, wie der Kollaps der Eurozone beginnen könnte. Anfang November seien Deutschland und Frankreich schon fast so weit gewesen, Griechenland zu einem Austritt aus der Eurozone zu drängen. «Möglich wäre, dass zunächst Griechenland und wegen seiner strukturellen Verschuldung auch Portugal die Eurozone verlassen, aber weiter EU-Hilfen bekommen», orakelt die «Financial Times». Wenn wichtige Länder aus der Eurozone austräten, könnte sich Deutschland entschliessen, den Euro aufzugeben, um eine drohende Aufweichung der Währung zu verhindern. Einige andere Länder wie die Niederlande, Finnland und Österreich könnten laut FTD folgen und ihre wiederbelebten nationalen Währungen an die D-Mark koppeln. Privatanleger könnten sich auf ein solches Szenario am besten vorbereiten, so die FDT weiter, indem sie Land, Häuser oder sonstige langlebige Güter kauften, sofern sie «über das nötige Kleingeld verfügen». Auf solche Szenarien mag die Bank Sarasin gar nicht eingehen, weil sie einen Kollaps – wie gesagt – für wenig wahrscheinlich hält. Schon die Ankündigung der Einführung einer Drachme und Lira würde das Finanzsystem im austretenden Land auslöschen. Ein Ansturm von Sparern würde die Banken des Landes zu Fall bringen. Keine Kredite und auch kein Bargeld wären mehr erhältlich. Der Staat, der in diesem Fall die Banken stützen sollte, wäre ebenfalls bankrott. Denn sobald die neue Währung eingeführt wäre, würde sie 30 bis 50 Prozent abgewertet, was die Staatsschulden vervielfachen würde. Und die Abwertung würde zu einer importierten Inflation führen, bis sich die Spirale der Hyperinflation dreht. Fazit: «Die Wahrscheinlichkeit ist minim, weil die Konsequenzen für alle verheerend wären», ist der Sarasin-Ökonom überzeugt.

 

Schicksalsgemeinschaft

 

«Eine Währung zerbröselt nicht einfach», meint Poser weiter. «Wie man es auch dreht und wendet: Euroland ist eine Schicksalsgemeinschaft. Die Euroländer stehen gemeinsam, oder sie fallen zusammen.» Angesichts der schrecklichen Folgen, die ein Scheitern des Euros mit sich brächte, «wird am Ende irgendwer bereit sein, sich zu bewegen, um ein Stressszenario abzuwenden». Wenn alle Stricke rissen, werde es die Europäische Zentralbank sein, welche einschreiten werde, weil sie am meisten zu verlieren hätte. Das grösste Risiko, das Jan Amrit Poser in diesem Drama ortet, ist «ein zu langes Verschleppen der Lösung, das eine lange und tiefe Rezession in Euroland nach sich zieht».

 

Erschienen in dr BZ am 20. Dezember 2011

Claude Chatelain