Vierte Säule: Zum Kassenwechsel in der Grundversicherung

Es heisst, man könne die obligatorische Grundversicherung problemlos wechseln. Die Kassen würden alle gleich verfahren, unterstünden sie doch einer Leistungspflicht. Und welche Leistungen zu vergüten seien, stünde im Gesetz. Stimmt das auch wirklich?

Ein Leser aus Neuenegg bestreitet dies. Seine Frau musste das Knie operieren lassen und danach in die Reha nach Oberried am Brienzersee gefahren werden. Das war im Jahr 2010. Die Helsana zahlte den Transport im Rahmen der gesetzlichen Leistungspflicht. Danach sind 50 Prozent der Kosten von «medizinisch indizierten Krankentransporten» durch die obligatorische Grundversicherung gedeckt – und zwar bis maximal 500 Franken pro Kalenderjahr.

 

So weit, so gut: Frau F. befolgte danach den Ratschlag all der Experten, wonach es kein Problem ist, die Grundversicherung zu wechseln. Ich gebe zu: Ich sang auch in diesem Chor. Und so wechselte die Bäuerin aufs Jahr 2011 zur Agrisano. Im Nachhinein muss man konsterniert feststellen: Das hätte sie nicht tun sollen. Sie musste auch das andere Knie operieren lassen und wieder an den Brienzersee gefahren werden. Doch die Agrisano lehnt im Unterschied zur Helsana die Kostenübernahme ab. Sie erklärte in einem Schreiben vom Oktober 2011: «Die Aufwendungen des Rotkreuzfahrdienstes gelten als private Fahrdienste und fallen nicht mehr unter die gesetzliche Leistungspflicht der obligatorischen Krankenpflegeversicherung.» Aus diesem Grund könne keine Kostenvergütung vorgenommen werden.

 

Ich wollte es genau wissen und fragte die Berner Krankenkasse Atupri, wie sie es mit dem Rotkreuzfahrdienst hält. Kommunikationschef Jürg Inäbnit erklärt mir, dass die Atupri die Rechnung des Rotkreuzfahrdienstes sehr wohl im Rahmen der Leistungspflicht bezahle – privater Fahrdienst hin oder her. Andere Krankenkassen, andere Sitten. Ich werde mich in Zukunft hüten, zu sagen, ein Krankenkassenwechsel sei in jedem Fall problemlos. Und: Die Befürworter einer Einheitskrankenkasse brauchen gar nicht zu behaupten, eine einzige Kasse käme billiger zu stehen. Ein anderes, stichhaltigeres Argumente habe ich ihnen eben geliefert.

 

Erschienen in der BZ am 13. Dezember 2011

Claude Chatelain