Vierte Säule: Über die Banker in New York City

Pulitzer-Preisträger Nicolas D. Kristof
Pulitzer-Preisträger Nicolas D. Kristof

Nicholas D. Kristof, amerikanischer Journalist und zweifacher Pulitzer-Preisträger, schrieb vergangene Woche in der «New York Times»: «Wer verstehen möchte, weshalb die Protestbewegung Occupy Wallstreet eine derartige Zugkraft entwickelte, sollte einem früheren Banker wie James Theckston zuhören.»

 

Theckston bekleidete einen höheren Posten bei der Chase Home Finance in Florida. 2007 vergab sein Team Hypotheken für 2 Milliarden Dollar. Wie der Banker der «New York Times» erklärte, mussten künftige Hausbesitzer weder den Job noch das Einkommen, noch das Vermögen angeben und erhielten den Kredit trotzdem. Solche Kredite wurden dann verbrieft und an Investoren verkauft.

Folgendes Beispiel gibt dem reuigen Banker besonders zu denken: Einige seiner Berufskollegen verdienten mit der Vermittlung von Subprime-Hypotheken eine siebenmal höhere Kommission als mit erstklassigen Hypotheken. Subprime ist zweitklassig. Also peilten die Banker vorab Sparer «mit weniger Grips» an, solche mit einer bescheidenen Ausbildung, ohne Wissen über Hypotheken und mit mangelnden Englischkenntnissen. Schwarze und Latinos waren in dieser Zielgruppe übervertreten. Ihnen wurden mangels Bonität höhere Zinsen aufgebrummt. Bald konnten sie die Zinsen nicht mehr bezahlen und verloren das Haus.

 

All das stand eben in der «New York Times». In der Schweiz spricht man kaum mehr davon, wie die UBS gerettet werden musste und die grössten Zocker ungeschoren millionenhohe Boni kassierten. Doch in den Strassenschluchten New Yorks sind die waghalsigen Praktiken der Banker nach wie vor Thema, als wäre Lehman Brothers eben erst pleite gegangen. Das erklärt, weshalb Occupy Wallstreet insbesondere in den USA grosse Sympathien erntet. Noch etwas ist mir letzte Woche in New York aufgefallen: wie leger die Banker herumlaufen. Vor zwanzig Jahren war der E-Train an die Wallstreet mit Bankern in «dunkler Schale» vollgestopft. Heute sieht man dort lauter Typen in Turnschuhen, Pullovern und Jeans. Man zieht es vor, nicht als Banker erkannt zu werden.

 

Erschienen in der BZ am 6. Dezember 2011

Claude Chatelain