Vierte Säule: Die Versicherungsphobie der Gewerkschaften

Erinnern Sie sich an die Volksabstimmung vom 7. März 2010? Es ging damals um den Umwandlungssatz in der beruflichen Vorsorge. Bundesrat und Parlament wollten den Satz von 6,8 auf 6,4 Prozent reduzieren und damit die Renten senken. Die Gewerkschaften waren dagegen und gewannen den Abstimmungskampf hochkant.

Erinnern Sie sich auch an den Abstimmungskampf? In der Kampagne des Gewerkschaftsbundes mit dem irreführenden Begriff Rentenklau schossen die Gewerkschaften auf die Versicherungen. Es ging nicht um die Sache. Es ging den Gewerkschaften darum, die Versicherungsgesellschaften mit ihren angeblich hohen Verwaltungskosten an den Pranger zu stellen.

 

Erinnern Sie sich an die Reaktion der Gewerkschaften, als der Bundesrat vor ein paar Wochen den Mindestzinssatz senkte? Sie kritisierten nicht den Bundesrat; sie kritisierten die Versicherungen. Nur unter dem Druck der starken Versicherungslobby habe der Bundesrat den Zinssatz gesenkt, behaupteten sie.

 

Erinnern Sie sich etwa auch noch an Colette Nova? Sie betreute beim Gewerkschaftsbund das Thema Sozialversicherungen. Sie kannte das Dossier wie kaum eine andere. Beim genannten Abstimmungskampf hüllte sich jedoch die smarte Juristin in den Mantel des Schweigens. Sie sagte nicht warum. Man konnte es aber ahnen. Sie wusste sehr wohl, dass sich ein Umwandlungssatz von 6,8 Prozent nicht finanzieren lässt, nur durfte sie das nicht laut sagen. Heute ist Colette Nova Vizedirektorin im Bundesamt für Sozialversicherungen und darf sagen, was sie über die 2. Säule denkt. In einem Zeitungsinterview forderte sie eine Senkung des Umwandlungssatzes: «Wenn das Fundament eines Hauses nicht mehr solide ist, fällt eines Tages das ganze Haus zusammen», sagte die ehemalige Gewerkschafterin in einem Interview. Nicht erinnern werden Sie sich an das, was die Gewerkschaften mit der 2. Säule wollen. Ich weiss es nämlich auch nicht. Klar ist einzig, dass sie gegen die Versicherungen sind.

 

Erschienen in der BZ am 22. November 2011

Claude Chatelain