"Dividenden sind wieder mehr im Fokus"

Roland Heiniger, bei der CS Leiter Private Banking Region Mittelland.
Roland Heiniger, bei der CS Leiter Private Banking Region Mittelland.

Roland Heiniger, Leiter Private Banking Region Mittelland der CS, favorisiert Aktien der Lebensmittel- und Getränkeindustrie, Software, Metall und Bergbau. Er erklärt, wie sich der Beratungsprozess seit dem Lehman-Kollaps verändert hat.

 

Herr Heiniger, wann wird Credit Suisse in ihren Kundenportefeuilles die Drachme wieder einbauen?

Roland Heiniger: Das hängt von der Politik ab. Vieles ist möglich: Wir haben grundsätzlich zwei Szenarien: Der Euro bleibt, wie er ist. Oder Griechenland führt wieder die Drachme ein. Wir als Bank geben diesbezüglich keine Prognose ab.

 

 

Die beiden Szenarien haben doch unterschiedliche Auswirkungen auf Ihre Portefeuilles.

Die griechische Wirtschaft ist relativ klein, und die Anlagemöglichkeiten sind beschränkt. Oder können Sie mir spontan eine griechische Aktie nennen?

 

Ein Satiriker empfahl gestern auf 3sat, man solle in griechische Esel investieren.

Ein interessanter Gedanke. Haben Sie mir die Valorennummer dieser Anlage? 

 

Wie werden sich die beiden Szenarien auf den Euro auswirken?

Wir sehen den Eurokurs in den kommenden Monaten zwischen 1.20 und 1.25 Franken.

 

Politische Stimmen verlangen von der Nationalbank, eine Untergrenze von 1.30 Franken zu verteidigen.

Ich bin überzeugt, dass die Nationalbank die Situation sehr ernst nimmt und die Entwicklungen genau verfolgt, wie die entschlossenen und positiven Massnahmen bisher zeigen.


Was sagen Sie für die Aktienmärkte voraus? 

Die globale makroökonomische Lage ist schlechter als gedacht. Die Wirtschaft befindet sind in einer Phase eines tiefen Wachstums und wird über die nächsten Quartale oder gar Jahre unterdurchschnittlich wachsen. Doch viele der negativen Nachrichten sind in den Aktienkursen bereits enthalten. Gleichzeitig ist in Zukunft mit einer Inflation zu rechnen, was wiederum ein guter Nährboden für Aktien ist.

 

Befinden wir uns in einer Baisse oder in einer Hausse? 

Eher in einer Baisse …

 

…also müsste man doch jetzt Aktien kaufen.

Grundsätzlich stimmt das. Das heisst aber nicht, dass wir jetzt all unseren Kunden empfehlen, die Aktienquote zu erhöhen. Jeder Kunde hat ein anderes Profil, ein anderes Ziel und damit auch eine andere Strategie. 

Heiniger schliesst Oblis nicht aus.
Heiniger schliesst Oblis nicht aus.

Viele solide Aktien haben eine sehr hohe Dividendenrendite. Wie weit sind solche Perlen bei Ihnen ein Thema?

Dividendenperlen sind heute wieder mehr im Fokus als auch schon. Man darf aber nicht vergessen, dass wir uns in einer tiefen Wachstumsphase befinden. Das wird sich in tieferen Erträgen niederschlagen. So kann man heute nicht sagen, ob die Dividenden nicht gekürzt werden müssen.

 

Die Zürich hat eine Dividendenrendite von rund 8 Prozent. Würde die Dividende halbiert, gibt das immer noch 4 Prozent. Ein stolze Rendite, oder?

Aber nur wenn Sie die Dividende isoliert betrachten. Das ist aber gefährlich. Wir haben keine Gewähr, dass ein fallender Aktienkurs die Dividendenrendite nicht wieder wegfrisst. Es ist sicher richtig, die Dividende zu beachten. Dies aber nur, wenn man gewillt ist, das Risiko eines fallenden Kurses in Kauf zu nehmen.

 

Was sind Ihre Favoriten?

Unsere favorisierten Aktienbereiche umfassen Firmen im Lebensmittel- und Getränkebereich, Software, Metalle und Bergbau.

 

Gibt es für Privatanleger heute noch einen Grund, Obligationen im Portefeuille zu haben?

Ja, denn eine breite Streuung in verschiedenen Anlageklassen ist enorm wichtig. Dazu gehören Aktien, Obligationen und alternative Anlagen wie Immobilien, Rohstoffe, Metalle wie zum Beispiel Gold.

 

Und doch gibt es im heutigen Zinsumfeld keinen Grund, Obligationen zu halten.

Es kommt darauf an, was der Kunde will. Es gibt innerhalb der Obligationen verschiedene Anlage- und Risikoklassen, die unter Umständen interessant sein können und zur Strategie des Kunden passen. Je nach Risikoprofil macht es durchaus Sinn, Obligationen zu halten. Ich denke an stetige Ausschüttungen und gleichzeitig geringe Kursschwankungen. Aktuell favorisieren wir sehr kurze Laufzeiten und Unternehmensanleihen anstelle von Staatspapieren.

 

Gut essen mit Aktien; gut schlafen mit Obligationen. Müsste es nicht heissen: schlecht schlafen mit Obligationen? 

Es kommt darauf an, welche Ziele und Bedürfnisse der Kunde hat. Das ist in unserem Beratungsprozess zentral. Wir finden gemeinsam mit dem Kunden heraus, welches die bestmöglichen Anlageprodukte sind und ob wir damit seine Ziele erreichen können. Wir gehen mit dem Kunden alle Szenarien und Risiken durch. Und wenn alle Möglichkeiten besprochen wurden, haben wir eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Kunde auch gut schläft.

 

Sie haben von Inflation gesprochen. Wenn die Konsumentenpreise steigen, werden die Obligationenkurse fallen. Gerade bei Obligationenfonds kann sich das verheerend auswirken.

Das ist ein Szenario, das wir mit unserem Kunden besprechen. Aber es kann durchaus der Fall sein, dass ein Kunde den Kursverlust in Kauf nimmt und dafür Gewähr hat, dass der Nominalwert zurückbezahlt und ihm jährlich der Zins vergütet wird. Infrage kommen unter Umständen inflationsgeschützte Investitionsmöglichkeiten. 

Roland Heiniger "Die Finanzkrise 2008 war für alle Marktteilnehmer eine lehrreiche Erfahrung."
Roland Heiniger "Die Finanzkrise 2008 war für alle Marktteilnehmer eine lehrreiche Erfahrung."

Eine Alternative wäre das Sparkonto, welches mehr Rendite abwirft als Obligationenfonds.

Wir beobachten bei unseren Anlegern teilweise eine grosse Nervosität. Da sind Sparkonti durchaus eine Alternative. In unsicheren Zeiten ist der Anteil an Cash immer höher, als wenn es an den Märkten boomt.

 

Eine Anlageklasse hatten Sie vorher nicht genannt: die strukturierten Produkte.

Strukturierte Produkte sind keine eigenständige Anlageklasse. Sie bilden lediglich eine mögliche Lösung innerhalb einer Anlageklasse ab. Auch hier ist für uns massgebend, was der Kunde will.

 

Haben Sie seit dem Lehman-Kollaps diesbezüglich ein Umdenken festgestellt? 

Die Finanzkrise 2008 war für alle Marktteilnehmer eine lehrreiche Erfahrung. Ein Umdenken hat vor allem auch in der Beratung stattgefunden. So bestätigt der Kunde, in welchen Produktklassen er über Kenntnisse und Erfahrung verfügt – und in diesen wird er dann beraten.

 

Damit stellen Sie sicher, dass der Kunde nicht sagen kann, er sei über die Risiken nicht informiert worden. Asiatische Banken nehmen Beratungsgespräche per Video auf.

Ich glaube nicht, dass dies zielführend wäre und die Beratungsqualität erhöhen würde.

 

 

ZUR PERSON:

 

Roland Heiniger leitet seit 2008 das Private Banking der Region Mittelland von Credit Suisse mit rund 100 Mitarbeitern. Die Region Mittelland umfasst die Kantone Bern und Solothurn. Zuvor war Heiniger Marktgebietsleiter Wealth Management & Business Banking Biel-Seeland bei der UBS. Der 42-jährige Banker hat

 

 

 

 

einen Abschluss als Betriebsökonom HWV der Fachhochschule für Wirtschaft in Bern. Weiter absolvierte er die Swiss Banking School und das Executive MBA der Universitäten Bern und Rochester im Bundesstaat New York.

 

Erschienen in der BZ am 22. November 2011


Claude Chatelain